Über verpatzte und neue Chancen

Bis zu meinem 20sten Lebensjahr war ich insgesamt vier mal in einer psychiatrischen Klinik. Nie freiwillig. Drei Mal musste ich aufgrund einer Auflage wegen meiner damaligen Drogensucht für je drei Monate auf eine Geschlossene. Das war für mich wie Gefängnis. Ich wollte da einfach nur wieder raus. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich ziemlich bockig und renitent war. Ich habe die Psychiatrie nicht als Hilfe verstanden, sondern als Strafe. Auch eine psychiatrische Diagnose empfand ich damals als was schlechtes. Als Steine, die einem in den Weg gestellt werden. Als Stigmatisierung. Als ein innerhalb der Gesellschaft abgestempelt werden. Dementsprechend wenig konnte ich mich überhaupt auf das ganze Therapieprogramm einlassen. Ich wollte mir gar nicht helfen lassen, weil ich alles weit von mir gestoßen habe und mir nichts davon zu eigen machen wollte. Ich war schlichtweg Uneinsichtig. Und auch richtig wütend, dass ich nun schon wieder für drei Monate auf der Geschlossenen hocke. Was für eine verlorene Zeit. Wie hätte mein Leben einen anderen Lauf genommen, wenn mir schon damals klar gewesen wär, dass ich Hilfe brauch. Außer ein bisschen Ergotherapie, habe ich quasi nichts aus dieser Zeit mitgenommen.

Ein viertes Mal wurde ich von meinem Vater eingeliefert. Er überredete mich damals tagelang, mit ihm zu einem befreundeten Psychiater in eine Klinik zu fahren, um über meine ganzen Probleme zu sprechen. Irgendwann bin ich eingeknickt und mit ihm dorthin gefahren. Von dem Termin weiß ich nicht mehr viel. Das Treffen war mir schon im Vorfeld mehr als suspekt. Ich war total verspannt, in misstrauischer Lauerstellung, fühlte mich einem enormen Druck ausgeliefert und während dem Gespräch immer mehr in die Ecke gedrängt, meinem Vater und dem Psychiater sozusagen hilflos ausgeliefert, bis in meinem Kopf ein Schalter umgelegt wurde und ich nicht mehr da war. Ich habe keinerlei eigene Erinnerungen, was damals passiert ist. Ich weiß nichts mehr. Irgendwann bin ich dann an ein Bett gefesselt, vollgepumpt mit Haldol, einem starken Neuroleptikum, in einem Isolierzimmer einer chronisch-gemischten, geschlossenen Abteilung aufgewacht. Ich konnte gar nicht mehr richtig sprechen, so viel Haldol haben die mir gegeben. Meine Zunge fühlte sich wie eine riesige Kartoffel an. Und weil ich die Tabletten verweigerte, haben sich mich einfach wieder zwangsgespritzt. Ein Pfleger, der mir hin und wieder eine Zigarette brachte und dann jeweils im Zimmer bleiben musste, bis ich sie fertig geraucht hatte, teilte mir mit, dass ich aufgrund dem Verdacht einer Psychose auf dieser Abteilung gelandet wäre. Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. Es fühlte sich so falsch an. Ich war regelrecht schockiert. Es war schlichtweg ein Horror. Von da an glaubte ich, dass alles, was mit Psychiatrie zu tun hat, sowieso nur mein Feind sein kann.

Als ich mich dann auf der Abteilung frei bewegen durfte, mehr Therapiebereitschaft vorgaukelte, bekam ich mehr Freiheiten. Hab mich dann bei der erstbesten Gelegenheit vom Acker gemacht und bin gleich weiter nach Zürich gereist, wo ich nochmals ein Jahr auf der Straße lebte, bis ich auf einem schrägen Trip nach Portugal reiste und dort über viele Jahre in einem Hippie- und Aussteigerdorf hängen geblieben bin. Dort lernte ich dann auch meinen Mann kennen, der damals mit einem riesigen Wohnmobil durch Portugal reiste.

Sämtliche Chancen, mir bei meinen Problemen in meinem ehemaligen Heimatland Schweiz helfen zu lassen, habe ich ungenutzt verstreichen lassen. Nebst den Psychiatrie Aufenthalten gab es auch noch etliche andere Versuche, mir ambulant helfen zu wollen. In der reichen Schweiz hat man damals drogensüchtige Jugendliche nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Immer wieder gab es Versuche, mir helfen zu wollen. Während meiner Zeit auf der Straße hatte ich sogar einen festen Sozialarbeiter, der sich intensiv um mich kümmerte. Er erklärte mir beständig, dass ich endlich die Wurzel allen Übels gescheit anpacken müsste. Drogen würden mich bei meinen Problemen nicht weiter bringen. Ansonsten würde ich nie den Bogen kriegen. Aber richtig helfen lassen, wollte ich mir nicht. Wahrscheinlich war ich einfach noch zu jung, zu unreif, zu naiv. Ich wollte einfach nicht erkennen, dass ich Hilfe brauche. Alle anderen haben es gesehen, nur ich habe die Augen davor verschlossen.

Das ärgert mich nun sehr. Nun stehe ich vor dem Trümmerhaufen meines Lebens, um endlich zu erkennen, das es so nicht mehr weiter gehen kann. Ohne Freunde, sozial vollständig isoliert, abgekapselt, in Depressionen versunken und einem Wust psychischer Probleme, den ich beständig hinter mir her schleppe und die immer mächtiger werden. Bei mir ist jedenfalls das Experiment, unbehandelt und untherapiert durchs Leben zu kommen, gehörig gescheitert. Sicherlich ist es nun müßig, den verpatzten Chancen aus der Vergangenheit nachzuweinen. Aber es beschäftigt mich dennoch, lässt mich nicht so schnell los. Schlussendlich war ich mein ganzes Leben auf der Flucht vor mir selbst, bis hin zu den Jahren, als ich bei den Hare Krishnas war. Das war sowieso eine eigene Welt für sich. Mein ganzes Leben kommt mir wie ein schlechter Film vor, der zum Ende hin auf ein Fiasko zusteuert. An vieles, was ich erlebt habe oder auch getan habe, darf ich mich gar nicht richtig zurück erinnern, ohne dass ich Gefahr laufe, noch mehr durchzudrehen. Das versuche ich dann zu verdrängen.

Nun habe ich eine letzte Chance, das Ruder doch noch herum zu reißen.
Hoffentlich wird mir das mit der Therapie nun gelingen.

Dieser Beitrag wurde unter Mein Leben abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.