Ruby allein zu Hause

Am Sonntag vor einer Woche habe ich meinen Mann nach Bremen zum Flughafen gebracht. Er macht elf Tage in Südportugal Urlaub. Seit Jahren ist es das erste Mal, dass ich ganz alleine zu Hause bin. Selbst als ich in der Klinik zur Therapie war, hat er mich jeden zweiten Tag besucht. Und letztes Jahr, als ich wegen der Komplikationen meiner damaligen Magersucht mehrere Male im Krankenhaus lag, hat er mich sogar täglich besucht. Dafür hat er sich extra in einem Hotel in der Nähe des Krankenhauses eingemietet. Und nun bin ich schon sieben Tage ganz alleine zu Hause. Viele Borderliner haben ein Problem mit alleine sein. Eigentlich kann ich mich ganz gut alleine beschäftigen, solange ich weiß, dass mein Mann ganz in der Nähe ist. Nur so ganz alleine ist für mich Premiere. Obwohl, ganz alleine bin ich ja nicht, habe ja mein kleines Hundemädchen bei mir. Darüber bin ich sehr froh. Ich finde, Hunde steigern die Lebensqualität. So treue Begleiter findet man im Tierreich nur selten.

Aufgrund meiner Sozialphobie fällt es mir unheimlich schwer, einkaufen zu gehen. Ein Gang in den Supermarkt empfinde ich wie ein Spießrutenlauf. Aber ich habe vorgesorgt. Ich habe für die ganzen elf Tage Vorräte zu Hause. Damit ich auch ja nicht einkaufen gehen muss. Ich habe mir quasi für die ganzen elf Tage ein Menüplan zurecht gelegt und koche nun Tag für Tag meine Vorräte weg. Am Freitag hat mich meine Betreuerin besucht. Und davor war ich mit einem Freund im Dorf frühstücken. In der Skillsgruppe war ich ebenfalls. Und heute habe ich einen langen, schönen Spaziergang mit meinem Yorki-Mädchen gemacht. Die ganzen Tage sorge ich für ein bisschen Programm. Das lenkt mich ab. Diese Woche habe ich auch viel im Garten gemacht.

Und das wirklich gute ist, dass es Internet gibt. Denn jeden Tag skype ich mit meinem Mann. Wenn ich ihn dann über Skype so sehe, kommt mir das immer ein bisschen so vor, als ob er bei mir ist. Die Idee zu seinem Portugal Urlaub kam von mir. Ich wusste, dass er bereits seit Jahren wieder mal gerne da runter wollte. Wir haben ja viele Jahre dort gewohnt. Ich wollte ihm einfach was gutes gönnen. Nach allem, was er schon für mich getan hat, hat er das einfach verdient. Natürlich hätte ich ebenfalls mitfahren können. Aber ich hätte das nicht vertragen. Meine Gefühle hätten aufgrund der ganzen Erinnerungen nur wieder verrückt gespielt. Es ist besser, dass ich hier geblieben bin.

Ich selber habe in den vierzehn Jahren, seit wir in Deutschland leben, noch nie Urlaub gemacht. Anfangs nächstes Jahr erwarte ich eine Abfindung für ärztliche Kunstfehler, mit denen man mich im Krankenhaus verpfuscht hat. 15 Tausend Euro wurden mir von der Versicherung des Krankenhauses bereits angeboten. Ich habe aber abgelehnt. Ich will ein bisschen mehr. Mit zwanzig Tausend wäre ich zufrieden. Mein Anwalt hat ursprünglich 50 Tausend verlangt. Aber das werde ich natürlich nie bekommen. Die Versicherung des Krankenhauses verhandelt sehr hart. Am liebsten würden sie wahrscheinlich gar nichts bezahlen. Jedenfalls haben wir vor, uns mit ca. 10 Tausend Euro der Abfindung ein gebrauchtes Mobilheim auf einem Campingplatz in Spanien zu kaufen. Für das Geld bekommt man schon sehr schöne Teile. Dann wollen wir jedes Jahr für einige Zeit nach Spanien in den Urlaub fahren. Hauptsächlich im Herbst oder im Frühjahr, um die kalte Zeit in unseren Breitengraden ein bisschen zu verkürzen. Darauf freue ich mich schon sehr.

Dieses Jahr steht aber erst einmal meine Einbürgerung an. Am 27. Oktober muss ich zum Einbürgerungstest. Ich habe bereits gelernt. Ich würde gerne ohne Fehler bestehen. Vielleicht schaffe ich das sogar. Ich bin Perfektionistin. Bestehen werde ich auf jeden Fall. Ich freue mich darauf, Deutsche zu werden. Deutschland ist meine Heimat geworden. Endlich bin ich dann keine Ausländerin mehr. Das ist so cool. Ich bin diesem Land so dankbar und fühle mich Deutschland so verbunden. Meine Eltern werden sich vielleicht darüber ärgern. Aber mit denen habe ich ja eh fast keinen Kontakt. Sie wollen ja sogar, dass ich hier im Ausland lebe, damit ich weit genug weg von ihnen bin. Von dem her ist es nur konsequent, wenn ich mich nun einbürgern lasse. Ich fühle mich eh als Deutsche. Das Ausländeramt wollte ja eigentlich sogar, dass ich vor der Einbürgerung einen Deutschtest absolviere. Wie lächerlich. Ich spreche perfekt Deutsch. Sie meinten dann, dass sie meine Deutschkenntnisse beim Abgeben all meiner Dokumente, die für die Einbürgerung gebraucht werden, überprüfen werden. Das wird sicherlich richtig spaßig werden.

Nun bin ich noch vier Tage alleine. Dann kommt mein Mann zurück. Das macht mich richtig glücklich. Vom Flughafen in Bremen bis nach Oldenburg fährt er mit der Bahn. In Oldenburg hole ich ihn dann ab.

Ich könnte noch viel erzählen, mache aber für heute wieder mal Schluss.

Mit einem lieben Gruß
Ruby

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