Zwölf Wochen Erprobungsphase

Oh, wie überaus ätzend. Diese Woche hat mich die Tante von der Stationsanmeldung angerufen und meinen Aufnahmetermin für das zweite stationäre DBT Modul um weitere zwei Wochen verschoben. Anstatt am 14. Juni wird meine Aufnahme nun erst am 28. Juni sein. Das wirft mich gerade ziemlich aus der Spur.

Ich neige leider dazu, immer perfekt sein zu wollen. Auch neige ich dazu, immer alles selber kontrollieren zu wollen. Eigentlich hätte ich morgen bereits mein Aufnahmetermin gehabt. Denn dann liegen zwischen dem ersten und zweiten Modul genau die acht Wochen, die laut Therapiekonzept zwischen den Modulen als Erprobungsphase vorgesehen sind. Bei mir wachsen nun die acht Wochen Erprobungsphase aufgrund der chaotischen Terminvergabe der Station S1 der Karl Jaspers Klinik in Wehnen auf 12 Wochen an. Das will mir einfach nicht in den Kopf. Erst hat man mir diesen Termin am 14. Juni angeboten, der ja auch schon zwei Wochen später ist, als ich eigentlich vorgesehen hätte sein müssen. Und nun wird mein Termin nochmals um zwei Wochen verschoben.

Acht Wochen Erprobungsphase zwischen den Modulen sind mehr als genug. Und nun wird mir einfach noch ein Monat mehr aufs Auge gedrückt. Ich spüre schon wieder den Sog der Abwärtsspirale. Acht Wochen habe ich euphorisch den Gipfel eines Berges erklommen. Und hinterm Berg gerate ich nun beim Abstieg ins rutschen. Ich fühle mich einem weiteren Monat nun gar nicht mehr gewachsen. Ich bin dafür noch viel zu wenig stabil. Und ehrlich gesagt sind mir solche zwölfwöchigen Erprobungsphasen zwischen den Modulen auch einfach viel zu lange. Meiner Meinung nach können die Module nach so langer Wartezeit gar nicht mehr richtig ineinander greifen.

Es ärgert mich, dass ich quasi um einen ganzen Monat versetzt wurde. Ich rechne mir bereits aus, wie viele andere Patienten in dieser Zeit an mir vorbeigeschleust werden, wie viele Menschen vor mich gesetzt wurden. Ich frage mich auch schon wieder, ob das alles ein Grund haben könnte. Ich komme mir versetzt vor. Wahrscheinlich sollte ich einen Realitätscheck machen, um zu überprüfen, ob das wirklich sein kann. Und diese Realitätsüberprüfung würde mir dann sagen, dass es wahrscheinlich rein organisatorische Gründe gibt, weshalb mein Termin nun so weit nach hinten rutscht. Aber ganz ehrlich, auch dann wär ich noch nicht vollständig sicher, dass es nicht doch etwas mit mir zu tun haben könnte.

Leider gibt es bei mir in der Gegend keine andere Klinik, die für Borderliner DBT anbietet. Vieleicht wär es in der psychiatrischen Klinik in Norden möglich. Aber die Klinik ist für mich noch weiter weg. Es kommt mir ein bisschen so vor, als ob mir der Teppich unter den Füßen weggezogen wird. Am liebsten würde ich mich dieser Situation nun komplett entziehen. Einfach aufgeben. Weil mir alles wieder ein bisschen zu viel wird. Dabei wäre es eigentlich jetzt an der Zeit zu skillen, zu akzeptieren und es auszuhalten.

Ich fühle mich plötzlich wieder so schwach. Schwach und unsicher. Alles was ich beginne, zieht sich irgendwann immer wie Kaugummi. Wieso kann es bei mir nicht auch mal einfach rund laufen? Immer scheine ich im Leben die A-Karte zu ziehen. Das sind nicht einfach nur igendwelche dysfunktionale Grundannahmen oder Glaubenssätze. Das ist leider auch wirklich so. Das muss bei mir so ein bescheuertes Karma-Ding sein. Abgebrühte, DBT erfahrene Borderline-Persönlichkeiten würden mir viellecht jetzt raten, den weiteren Monat einfach annehmend als Übungsfeld zu nutzen. Wenn das nur mal so einfach wär. Das frustriert mich sehr.

An meinen Postings hier in meinem Blog kann man sicherlich erkennen, dass ich von DBT als Therapieform ziemlich begeistert bin. Mittlerweile habe ich erkannt, dass mir diese Therapie wirklich gut bekommt.

Was ich aber absolut nicht ab kann, ist diese Unzuverlässigkeit bei der Terminvergabe. Das wirft einen komischen Schatten auf die DBT-Station und das Therapiekonzept mit den achtwöchigen Erprobungsphasen. Man muss sich doch als Patient auf so ein Konzept verlassen können.

Schlussendlich hat mich dieses erneuerliche Verschieben meines Aufnahmetermins richtig aus der Spur geworfen und entsprechend aufgewühlt. Jetzt merke ich erst wieder, wie anfällig und labil ich im Grunde genommen noch bin. Ich habe es diese Woche noch nicht einmal mehr geschafft, meine Termine wahr zu nehmen. Irgendwie bin ich ganz schön abgestürzt; emotional, körperlich und selbstschädigend. Auch das zeigt mir, dass mir persönlich die vom Therapiekonzept vorgesehenen acht Wochen Erprobungsphase mehr als genug sind. Mehr schaffe ich derzeit nicht, ohne nicht wieder irgendwelche Rückschritte dabei zu machen. Jetzt wäre der Zeitpunkt einer stationären Auffrischung genau richtig.

Und nun haben die auf Station meinen Aufnahmetermin um insgesamt vier Wochen nach hinten geschoben und damit gleichzeitig auch meine achtwöchige Erprobungsphase auf zwölf Wochen verlängert. Ja? Was erwartet man denn von einer Anfängerin wie mir? Dass ich nun jubelnd vor Freude ums Sechseck springe? Oder soll ich mich für die zusätzlichen vier Wochen gar höflich bedanken? Ich fühle mich zwölf Wochen Erprobungsphase einfach noch nicht gewachsen. Ich sehe, dass ich wieder Gefahr laufe, in alte Muster zu fallen. Leider bin oder handle ich nicht immer sehr erwachsen. Und in therapeutischen Dingen fühle ich mich sowieso wie ein Kind, das erst laufen lernt.

Kurzzeitig habe ich die Tage auch schon überlegt, die Therapie nun einfach ganz zu schmeißen. Aber was dann? Ich wohne ja im tiefsten Ostfriesland. Hier wird man nicht so schnell mit anderen Angeboten überhäuft. Von dem her bin ich wohl leider von der Karl Jaspers Klinik abhängig.

Ich muss nun gucken, dass ich wieder den Faden finde und dort anknüpfen kann. Ich sollte meinen Blick vielleicht einfach wieder stur auf DBT richten. Ich darf mich nicht wieder von meiner Borderline-Persönlichkeit in die Kralle nehmen lassen. Vielleicht hilft mir ja auch mein Blog, um wieder ein bisschen zurück zu mir zu finden.

Sorry wegen diesem Jammerposting hier…

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Anti-Craving Skill „Kluger Kopf“

Heute befasse ich mich mit einem DBT-Sucht Skill, mit dem ich mir selber besser auf die Schliche komme. Ein Skill der mir hilft, mich bezüglich meiner Sucht zu reflektieren. Der Skill nennt sich „Kluger Kopf“. Ein Skill, der auf eine dialektische Lösung zielt. Eigentlich ist es kein richtiger Anti-Craving Skill, sondern eher ein Skill, der dem Erhalt der Abstinenz Rechnung trägt.

Viele Borderliner mit Suchtproblematik schwanken zwischen zwei Extremen. Diese werden oftmals geleitet von einem „abhängigen Kopf“, der oftmals vom Suchtgedächtnis mit kontrolliert wird und einem „verleugnenden Kopf“, der einem vorgaukelt, man hätte nun alles im Griff, man würde das schon schaffen und braucht auch keine Hilfe dazu. Die Gefühle und Gedanke solcher Selbstüberschätzung sind gut getarnt. Denn das ist eine Überlebensstrategie der Sucht. Deshalb werden solch selbst trügerische Gedanken in diesem Skill als „verleugnender Kopf“ bezeichnet.

Extrem Nummer 1:
„Abhängiger Kopf“ beschreibt ein Zustand, bei dem sich Gedanken, Überzeugungen, Verhaltensweisen und Gefühle freisetzen, um die Sucht durch Suchtmittel zu befriedigen. Oftmals wird das auch automatisch durch das Suchtgedächtnis mit kontrolliert.

Extrem Nummer 2:
„Verleugnender Kopf“ beschreibt meist ein Zustand anfänglicher Abstinenzphasen, indem man dazu neigt, sich zu überschätzen. Man hätte die Sucht nun ja vollständig überwunden, nichts mehr kann passieren. Durch das Licht des Erfolges ist man in dieser Phase oftmals regelrecht geblendet. Denn die Gedanken und Verhaltensweisen fühlen sich eigentlich recht kraftvoll und sicher an.

Ein „Kluger Kopf“ hingegen vereinigt diese zwei Extreme in eine dialektisch gesunde Antwort, in ein „sowohl, als auch“! Der kluge Kopf ist einerseits abstinent, ist sich aber dennoch bewusst, dass er jederzeit wieder Gefahr laufen könnte, in abhängiges Verhalten zurückzufallen. Ein kluger Kopf kennt mit der Zeit die Auslöser, die besonderen Suchtdruck erzeugen. Deshalb bereitet sich ein kluger Kopf auch entsprechend vor, damit er Abstinenz nicht nur erreicht, sondern auch möglichst dauerhaft erhalten kann. Ein kluger Kopf weiß, trotz aller Freude darüber, clean und sauber zu sein, muss er dennoch für die Abstinenz hart arbeiten und kämpfen, um sie auch dauerhaft zu erhalten. Diese Tatsache sollte bereits vor Beginn einer Abstinenz berücksichtigt und eingeplant werden.

Im folgenden Mengen-Diagramm wird das grafisch nochmals ein bisschen anschaulicher dargestellt:

 

Um sich selber wirklich klar zu werden, welcher Kopf da nun gerade wieder dazwischen funkt, sollte man sich die typischen Denk- und Verhaltensmuster dieser drei „Kopf-Bereiche“ erarbeiten und vielleicht in einer Tabelle wie der folgenden eintragen:

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Skills und Fertigkeiten Sammlung

In meinen letzten drei Beiträgen habe ich über DBT-Sucht Skills geschrieben. Die nächsten Tage werde ich wahrscheinlich noch andere DBT-Sucht Skills vorstellen.

Es macht mir Freude und Spaß, in meinem Blog auch über DBT und Skills zu schreiben. Denn dadurch bleibt auch unheimlich viel in meinem Kopf hängen.  Ich selber profitiere also davon. Durch das Niederschreiben kann ich das Gelernte besser behalten, ja auch annehmen und verinnerlichen. Ich kann es während dem Niederschreiben mit meinen eigenen Worten viel besser in mich aufsaugen. Für mich ist das also auch eine gute Lernmethode.

Gestern habe ich auf einer statischen Seite meines Blogs eine umfangreiche DBT Skill-Sammlung veröffentlicht, die über die horizontale Navigation unter meinem Blog Header-Bild erreicht. Oder auch hier direkt über diesen Link hier:

DBT Skills Sammlung

Da die Skillsliste sehr lang geworden ist, stelle ich die Liste auch gleichzeitig zum Download im PDF Format zur Verfügung:

Download Skills Liste und Fertigkeiten Sammlung als PDF Datei

Ich werde diesen Blog aber sicherlich auch weiterhin nutzen, über mich und mein Leben zu schreiben. Langsam wird der Blog für mich zu einem guten Skill.

Lieben Gruß
Eure Ruby

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Anti-Craving Skill „drei mal A“

In meinem letzten Beitrag in der Kategorie „DBT-Sucht„, habe ich über das „Craving-Protokoll“ geschrieben. Dieses Protokoll gehört zu den Fertigkeiten, die längerfristig zur Vermeidung von Craving beitragen sollen. Heute will ich über ein Skill schreiben, der eher dann zum Zuge kommt, wenn man unter akutem Craving leidet. Der Skill nennt sich „drei mal A„:

1.) Annehmen
2.) Anfeuern
3.) Abreiten (Wellenreiten)

Beim Annehmen geht es darum, mir einzugestehen, dass der Drang oder das Craving da ist, ich jedoch den Kampf dagegen aufnehmen will: Zum Beispiel „Ich verspüre gerade einen starken Suchtdruck, werde jedoch dagegen kämpfen“.

Beim Anfeuern geht es darum, mir Mut zu zureden, mich aufzubauen und mich selbst zu motivieren. Beispielsweise kann ich mir sagen, dass ich schon viel härteren Suchtdruck überstanden habe. Oder ich feuere mich an, dem akuten Suchtdruck nicht nachzugehen. Ich kann mir auch sagen, dass schlussendlich jedes Craving dazu dient, mich dagegen immer besser zu trainieren. Auch könnte ich mir vornehmen, dass ich mich nach erfolgreichem Überstehen des akuten Suchtdrucks mit was besonders Angenehmen oder was Schönem belohne.

Das letzte „A“ von diesem Skill bezieht sich auf das Abreiten der Welle. Eine kurze Einführung zu Emotions-Surfing, beziehungsweise „Urge-Surfing“ (Urge = Drang) habe ich in meinem Beitrag „Anti-Craving Skill Emotionssurfing“ bereits geschrieben. Dabei nehme ich den Suchtdruck, das Craving, als eine Welle wahr, die langsam größer wird, bevor sie bricht und langsam wieder verebbt. Zwar kommt die Welle. Sie geht aber auch wieder. Genau so verhält es sich auch mit Craving und dem dazugehörenden Handlungsimpuls, „etwas“ konsumieren zu müssen. Mal ist es stärker, mal etwas schwächer, einer Welle gleich, die kommt und geht. Wie ein guter Wellenreiter kann ich diese Welle abreiten.

Ein Wellenreiter kämpft nicht gegen die Welle, sondern reitet sie ab. Natürlich bedarf es auch an Übung und Ausdauer, um überhaupt ein guter Wellenreiter zu werden und das Surfbrett geschickt durch die Wellen zu manövrieren. Kein Meister ist je vom Himmel gefallen. Und nicht zuletzt braucht man als guter Surfer auch ein gutes Surfbrett. Mit dem Surfbrett sind hilfreiche Unterstützungen gemeint; zum Beispiel eine stabile Gesundheit, eine gesunde Ernährung, ein gesunder Schlaf und wahre Werte, die meinem Leben Kraft verleihen und die es mir im Gesamtpaket erst möglich machen, mich dem Suchtdruck auszusetzen.

Während dem Reiten auf der Welle achte ich auf meinen Körper. Wo genau nehme ich den Drang wahr? Ich konzentriere meine Wahrnehmung auf diesen Bereich des Körpers. Ebenso achte ich auf meine Gedanken. Welche Gedanken möchten mich dazu verleiten, dem Suchtdruck nachzugeben? Die selbe Frage stelle ich mir auch im Bezug zu meinen Gefühlen. Welche Gefühle wollen mich verführen, dem Drang nachzugeben? Ich muss den Suchtdruck annehmen und darf ihm nicht nachgeben. So lernt mein Hirn, dass es auch ohne Drogen- oder Subtanzmissbrauch geht. Je stärker das Verlangen, je stärker ist auch der daraus resultierende Lerneffekt. Ich kann mir auch immer wieder vergegenwärtigen, wie weit ich bereits gekommen bin und dass ich auch diesen Moment überstehen werde.

Der Skill „drei mal A“ lässt sich aber nicht nur auf Suchtdruck von Drogen- und Substanzmissbrauch anwenden. Er könnte genau so gut bei Selbstverletzungsdruck, Kaufsucht, Spielsucht oder anderem selbstschädigendem Verhalten angewendet werden. Dieser Skill hilft dabei, den Augenblick zu verändern.

Wenn man jedoch das Gefühl hat, dass der Suchtdruck steigt, sobald man sich auf selbigen konzentriert, sollte man diesen Skill nicht ohne die Hilfe eines Therapeuten anwenden.

Mit einem freundlichen Gruß
Eure Ruby

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Das Craving Protokoll

In meinem letzten Blogeintrag zum Thema Anti-Craving Skill habe ich den Skill Emotions-Surfing vorgestellt. In den USA wird dieser Anti-Craving Skill auch gerne als Urge-Surfing bezeichnet. Urge bedeutet übersetzt Drang, Verlangen oder Bedürfnis. Urge-Surfing ist ein Skill, der eigentlich zum DBT-Modul „Umgang mit Gefühlen“ gezählt wird. Unter anderem geht es bei diesem Skill ganz allgemein darum, ein kraftvolles Ausbalancieren von Suchtdruck zu erlernen.

Beim Modul Sucht und Craving der dialektisch-Behavioralen Therapie liegt der Schwerpunkt jedoch eher bei „Stresstoleranz-Skills“. Aber auch Fertigkeiten zum „Umgang mit Gefühlen“, wie zum Beispiel dem Urge-Surfing, können dabei helfen, die Stresstoleranz mit der Zeit zu erweitern.

Da ich selbst eine Borderline Persönlichkeit mit ausgesprochener Suchtproblematik bin und in meinem Leben immer wieder mit Substanz- und Drogenmissbrauch zu kämpfen hatte, habe ich mir nun überlegt, in meinem Blog eine spezielle Kategorie mit dem Titel „DBT-Sucht“ einzurichten, um mich hier nach und nach ausführlicher mit diesem schwierigen Thema auseinanderzusetzen.

Als Anti-Craving Fertigkeiten kommen hauptsächlich Skills zur Krisenbewältigung und Skills zum Annehmen der Realität und Verantwortung zum Zuge. Diese Anti-Craving Fertigkeiten werden wiederum in zwei Gruppen aufgeteilt. Skills zum Vermeiden von Craving und Skills, die bei akutem Craving eingesetzt werden.

Am besten beginne ich mit der ersten Gruppe und stelle mir die Frage, wie ich Craving vermeiden kann und mich wirksam dagegen wappne: Der erste und wichtigste Schritt ist es, Kontrolle zu diesem Verhalten zu erlangen. Das erreiche ich am ehesten, indem ich den Drang zu meinem schädlichen Verhalten, in meinem Fall Substanz- und Drogenmissbrauch, genau protokolliere. Es empfiehlt sich dabei am Ende eines jeden Tages ein Craving-Protokoll zu führen. In dieses Protokoll gehört:

1.) die genaue Uhrzeit des Dranges,
2.) die jeweilige Situation,
3.) der leitende, drängende Gedanke,
4.) das leitende, drängende Gefühl,
5.) die körperlichen Zeichen,
6.) die Intensität des Cravings auf einer Skala von 0% bis 100%
7.) was genau hat geholfen, den Gedanken und Gefühlen zu widerstehen?

Dieses Protokoll organisiert man am besten anhand einer Tabelle mit den jeweilig aufgeführten sieben Punkten. So kann man Tag für Tag anhand von Stichworten den Suchtdruck möglichst genau dokumentieren.

Nebst diesem täglichen Protokoll ist es genau so wichtig, die Umstände, die mich überhaupt immer wieder so anfällig und verwundbar machen, zu verbessern. Auch die körperliche Fitness darf hierzu nicht vernachlässigt werden. Dazu gehört genauso ausreichender Schlaf, wie auch Bewegung (z.B. Sport). Des weiteren sollten alle Reize, die mich besonders anfällig machen, vermieden werden. Zu solchen Reizen würde ich zum Beispiel Bekannte oder Freunde zählen, die Drogen konsumieren. Aber auch bestimmte Szeneplätze oder Orte, wo Drogen verkauft werden, können reizen. Einem Alkoholiker würde ich zum Beispiel raten, keine Kneipen mehr zu besuchen und in Supermärkten einen weiten Bogen um die Alkohol-Abteilung zu machen. Selbst Filme oder Lieder, in denen es um Drogen geht, können triggern.

Man sollte wahrscheinlich nicht unbedingt erwarten, dass das alles ganz ohne fremde Hilfe zu bewerkstelligen ist. Die aufgeführten Punkte können auch während Einzeltherapiegesprächen genauer ausgearbeitet werden.

Wie gesagt, meine Ausführung bezieht sich nun erst einmal auf das Vermeiden oder Wappnen gegen Craving. Wenn jedoch Craving akut auftritt, kann Urge-Surfing, beziehungsweise Emotionssurfing wieder sehr hilfreich sein. Hierzu werde ich bei einem meiner nächsten Blogeinträge nochmals ausführlicher eingehen.

Mit einem lieben Gruß
Ruby

Das Craving Protokoll:

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Anti-Craving Skill Emotionssurfing

Was lässt sich gegen Craving/Suchtdruck tun?

Während meiner stationären DBT in der Karl Jaspers Klinik habe ich als latente Polytoxikomanin gegen Suchtdruck als erstes den Skill „Emotionssurfing (Urge Surfing)“ gelernt. Vielleicht hilft der Skill ja auch anderen Suchtmenschen. Deshalb veröffentliche ich nun hier eine kleine Einführung dazu:

Erst einmal musst Du das Gefühl (den Suchtdruck) mit einer annehmenden Haltung akzeptieren, ohne dem Handlungsimpuls nachzugeben. Das Stichwort dabei ist radikale Akzeptanz, ebenfalls ein Skill, der dann zum Zuge kommt, wenn praktisch nichts mehr anderes geht.

Vergegenwärtige Dich, dass Du nicht das Gefühl bist, sondern ein Gefühl hast. Versuche den Suchtdruck durch entgegengesetztes Handeln, entgegengesetzter Wahrnehmung, entgegengesetzter Körperreaktion und entgegengesetztem Denken abzuschwächen.

Stelle Dir vor, das Craving wäre eine Welle, die Du beobachtest. Eine Welle, die sich erst groß aufbäumt und dann langsam wieder kleiner wird. Trete innerlich ein Stück zurück und frage Dich, welches Gefühl du hast und wie stark es ist. Beobachte, welche Körperreaktion Du hast,welche Gedanken und welchen Handlungswunsch. Vergiss dabei nicht, dass das nur ein Gefühl ist und Du nicht selber das Gefühl bist. Atme mit dem Gefühl und beginne bei der nächsten Welle von vorne. Surfe auf der Craving Welle. Beobachte, wie die Wellen (Dein Craving, Deine Gefühle) von mal zu mal kleiner werden.

Wenn Du aufgrund von dem Craving bereits unter Hochanspannung stehst, helfen Dir vielleicht auch Körperskills, wie zum Beispiel Stresshocke, bei der Du Dir eine Wand suchst, Dich mit dem Rücken zur Wand lehnst und Dich auf einen imaginären Stuhl „in die Luft“ setzt, möglichst tief, damit es auch richtig anstrengt. Oder Liegestützen an der Wand, bei der Du Dich eine Armlänge vor eine Wand stellst, Deine Handflächen schulterbreit flach mit den Fingerspitzen nach oben auf die Wand legst und dann beide Arme mit geradem Rücken beugst, bis Deine Nase die Wand berührt und Du Dich anschließend wieder mit den Armen von der Wand drückst. Oder den Zehenstand, bei dem Du immer wieder kurz auf die Zehen stehst und ohne die Fußfläche ganz auf den Boden abzustellen, wieder runter gehst, um Dich daraufhin gleich wieder auf die Zehen zu stellen. Aber auch Rumpfbeugen, normale Liegestützen, oder ganz einfach Sport, über den Du Dich richtig auspowerst, kann bei innerlicher Hochanspannung manchmal sehr hilfreich sein.

Zusätzlich zu solchen Skills könntest Du Dir auch Ohrakupunktur nach dem NADA Protokoll machen lassen. (NADA = National Acupuncture Detoxification Association). Diese Ohrakupunktur ist eine anerkannte Methode und wird auch von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Bei uns auf der DBT Station wurde sie uns täglich angeboten. Auch jetzt noch besuche ich in der Karl Jaspers Klinik bei Oldenburg zwei Mal wöchentlich diese Ohrakupunktur. Die Wirksamkeit zu dieser Ohrakupunktur wurde bereits über mehrere Studien belegt. Sie hilft nicht nur bei Suchtdruck, sondern auch bei Hochstress und hoher innerer Anspannung. Bei Borderline-Persönlichkeiten hat man damit schon beachtliche Erfolge erzielt. Ich veröffentliche hier zu dieser Ohrakupunktur einfach mal das Aufklärungs-Infoblatt der Karl Jaspers Klinik.

Ohrakupunktur nach dem NADA Protokoll der Karl Jaspers Klinik Wehnen, (PDF)

Lieben Gruß
Ruby

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Erstes DBT Modul geschafft.

Meine derzeitig ambulant psychiatrische Betreuerin meinte zu mir, dass ich wieder Tagebuch schreiben soll. Da habe ich mich doch flugs daran erinnert, dass ich hier im I-Net noch ein Blog besitze.

Mein letzter Eintrag stammt vom Februar. Ist nun auch schon wieder etliche Monate her. Vom 9. März bis zum 6. April habe ich eine stationäre dialektisch-Behaviorale Therapie in der Karl Jaspers Klinik in Wehnen bei Oldenburg besucht. Die Therapie wird in drei stationären Modulen von je einem Monat unterteilt. Dazwischen liegen immer acht Wochen Erprobungsphase, die man dann zu Hause verbringt, um das auf Station Gelernte in der Praxis zu üben. Das gehört dort zum Therapiekonzept. In anderen Kliniken, wie zum Beispiel in Bremen, wird diese Therapie ohne Erprobungsphasen in einem Stück durchgezogen. Das hat den Nachteil, dass man nicht wirklich sieht, welche zu bearbeitenden Schwachstellen sich während den Erprobungsphasen noch auftun. Von dem her bin ich eigentlich recht zufrieden mit meiner Klinikwahl.

Der Monat auf Station war eine recht harte Zeit für mich. Gleich zu Beginn wurden meine schlimmsten Befürchtungen wahr. Nämlich, dass ich mit meiner Zimmernachbarin nicht klar komme. Sie hat mich die ersten Tage aufs schärfste gemobbt. Am fünften Tag kam es dann zum Eklat. Ich habe sie wegen ihrem Mobbing zur Rede gestellt. Ich konnte meine Wut nicht mehr im Zaum halten, bin vollständig ausgeflippt. Ich wollte schlichtweg kein Opfer mehr sein. Die ganze Abteilung haben wir mit unserem Streit aufgemischt. Es wurde sehr, sehr laut. Danach gab es mehrere Gespräche mit meiner Psychologin, meiner Psychiaterin und dem ganzen restlichen Team. Ich durfte dann glücklicherweise das Zimmer wechseln. Mit meiner neuen Zimmernachbarin verstand ich mich super gut. Wir stehen auch jetzt noch im engen Kontakt zueinander. Anfang Mai war sie sogar vier Tage zu Besuch bei mir.

Das Therapieprogramm auf Station war überaus anspruchsvoll. Die ersten zwei Wochen stand ich unter extremer Hochanspannung und fühlte mich total gestresst. Während den Gruppentherapien wurde ich öfters zum runter Skillen aus dem Raum geschickt. Von Tag zu Tag besserte es jedoch. Die Therapie hat mich dennoch sehr gefordert. Samstag durften wir jeweils bis Sonntagabend nach Hause.

Während der Therapie habe ich eine Menge über mich, mein Denken, mein Handeln und mein Verhalten gelernt. Von Woche zu Woche hat mich der Ehrgeiz immer mehr gepackt. Bis ich mich voll und ganz auf die Therapie einlassen und konzentrieren konnte. Ich entwickelte mich immer mehr zur Streberin, was auch an meinem Hang zum Perfektionismus liegen mag. Meine hohen Ansprüche an mich selbst gehören eigentlich ebenfalls zu meinem krankheitsbedingten Problemverhalten. Denn daran scheitere ich auch immer wieder mal, was sich dann teilweise verheerend auf mein Leben auswirken kann.

Nicht all meine Mitpatienten haben die Therapie als Chance verstanden. Von einigen hatte ich den Eindruck, als ob sie die Therapie mit einem Ferienlager verwechseln. Diese Patienten habe ich eher gemieden und mich an diejenigen Patienten gehalten, die die Therapie ebenfalls als ernsthafte Chance verstanden, ihr Leben wieder besser in den Griff zu bekommen. Das ist das Beste, was ich in meiner Situation überhaupt machen konnte.

Am 6. April wurde ich dann wieder aus der Klinik entlassen. Zuvor habe ich noch ein Notfallplan für Krisen erarbeiten müssen. Das ganze Stationsteam der S1 (Borderlinestation) lobte mich bezüglich meiner positiven Entwicklung während der Therapie.

Damit ich während der ambulanten Erprobungsphase nicht wieder in meinen alten Trott der sozialen Isolation, Strukturlosigkeit und selbstschädigendem Problemverhalten verfalle, wurde mir für diese Zeit eine ambulant psychiatrische Betreuerin an die Seite gestellt. Sie kommt mich regelmäßig bei mir zu Hause besuchen und übt mit mir Dinge, die ich mir schon seit Jahren nicht mehr zugetraut habe. Zum Beispiel in ein Kaffee zu gehen. Oder ganz profan einfach nur spazieren zu gehen. Nebst bei habe ich fast jeden Tag irgendwelche Termine, die ich wahrnehmen muss. Fast jeden Tag fahre ich deswegen zur Karl Jaspers Klinik. Zwei Mal wöchentlich nehme ich dort an einer Ergotherapie in der Holzwerkstatt teil, zwei Mal wöchentlich fahre ich zur Ohrakupunktur nach dem NADA Protokoll in die Klinik, mit der ich mein Sucht-Craving, meine Hochstressphasen und meine teilweise enorme innere Anspannung, wie auch meine Schlafstörungen ein bisschen besser in den Griff zu bekommen versuche. Die Ohrakupunktur wird sogar von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Es handelt sich dabei um eine anerkannte Behandlung Sucht-kranker Menschen, eignet sich aber auch speziell für Borderliner sehr gut. Während meiner stationären Therapie konnte ich mir jeden Tag eine solche Akupunktur stechen lassen. Ein wirklich gutes Angebot. Des weiteren besuche ich in der Klinik regelmäßig die ambulante Skillsgruppe und Einzeltherapiegespräche mit meiner Psychologin und meiner Psychiaterin. An manchen Tagen wird mir mein Programm mit all diesen Terminen schon fast zu viel.

Worüber ich mich besonders freue, ist, dass ich zu all diesen Terminen alleine mit dem Auto hin fahre. Zuvor habe ich mich jahrelang nicht mehr getraut, mich hinters Steuer zu setzen. Eigentlich seit ich 2005 den Führerschein gemacht habe. Und nun fahre ich täglich fast 100 Kilometer. Von mal zu mal fühle ich mich ein bisschen sicherer. Mittlerweile traue ich mich sogar hin und wieder ein LKW auf der Landstraße zu überholen. Ich bin auch schon mit 170 Kilometer auf der Überholspur der Autobahn gefahren. Natürlich nur dort, wo man das auch darf. Noch vor wenigen Wochen hätte ich mir das nie zugetraut. Da ich ziemlich abgelegen wohne, verschafft mir das Autofahren endlich wieder ein bisschen zu mehr Mobilität. Außerdem ist es auch eine Entlastung für meinen Mann, der mich früher zu jedem Termin fahren musste. Ich bin doch ein bisschen stolz, dass ich mir das mittlerweile wieder alleine zu traue.

Seit ich im März stationär in Therapie war, lebe ich auch vollständig Drogen-frei. Bei meiner Aufnahme auf Station hatte ich noch ziemlich hohe Werte beim Drogenscreening. Seither habe ich aber keine Drogen mehr konsumiert. Von dem her werde ich wohl bei der nächsten stationären Aufnahme einen sauberen Drogenscreening hinlegen können.

Letzte Woche habe ich mit meiner ambulant psychiatrischen Betreuerin die Tagesstätte in Aurich besucht. Ich werde nun beim Sozialamt eine Eingliederungshilfe beantragen, damit ich in Zukunft vielleicht einen Platz in der Tagesstätte bekomme. Im ersten Arbeitsmarkt bin ich nach den vielen Jahren, während denen ich nicht arbeiten konnte, wahrscheinlich gar nicht mehr vermittelbar. Mit der Hilfe der Tagesstätte erhoffe ich mir jedoch irgendwann wenigstens wieder einen Einstieg in den zweiten Arbeitsmarkt. Beim Versorgungsamt in Oldenburg habe ich zudem einen Schwerstbehinderten Ausweis beantragt. Insgesamt konnte ich dafür sieben relevante gesicherte Diagnosen nachweisen, wozu unter anderem auch eine chronisch lebensbedrohliche Krankheit dazu gehört. Also nicht nur wegen der Borderline Erkrankung.

Am 14. Juni habe ich voraussichtlich wieder meinen Aufnahmetermin auf der S1, der Borderline-Station der Karl Jaspers Klinik. Dann wird der zweite Teil meiner stationären dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) beginnen, die dann wahrscheinlich am 12. Juli enden wird. Das dritte und letzte Therapie-Modul dürfte dann ungefähr im September beginnen. Bezüglich meiner Wiederaufnahme am 14. Juni plagen mich leider wieder zahlreiche Ängste. Darüber aber schreibe ich ein anderes Mal.

Nun ja, erst einmal belasse ich es mit diesem Blogeintrag. Er ist eh schon ziemlich lange geworden. In meinem Kopf kreisen aber bereits wieder einige Themen, die ich vielleicht bei meinem nächsten Eintrag in Schrift und Wort bringen werde.

Bis dahin sende ich jedem, der hier mit liest, einen lieben Gruß
Ruby

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Ein Monat vor Therapie

Knapp ein Monat vor der Therapie…

Die letzten Tage ging es mir ziemlich bescheiden, was wohl an der Dosisreduzierung von Quetiapin liegt. Von 900mg auf 600mg zu reduzieren, ist kein wirkliches Ausschleichen mehr. Derzeit fühle ich mich gerade so, als ob ich gar kein Neuroleptikum mehr nehme, obwohl ich noch immer bei täglichen 600mg Quetiapin liege. Dafür habe ich heftige Absetzprobleme, Schüttelfrost, Schlafprobleme, bizarre, angstvolle Träume, ein Körper voll mit Nervosität, bin teilweise vollkommen überdreht, gestresst und stehe unter heftiger Anspannung. Ich bin auch kaum mehr belastbar. Mein Gehirn fühlt sich an, als ob nicht alle Weichen richtig gestellt sind. Eine andere Borderlinerin meinte zu mir, dass das daran liegen würde, weil nun plötzlich wieder irgendwelche Rezeptoren im Hirn frei werden. Das mag vielleicht auch stimmen, hilft mir aber nicht wirklich weiter.

Ich könnte mich natürlich wieder ein bisschen hoch dosieren. Aber das will ich nicht. Denn die extrem hohe Dosis Quetiapin macht mich nur wieder Antriebslos. Und das kann ich so kurz vor der stationären Therapie im März gar nicht gebrauchen. Denn so Antriebslos stehe ich keine stationäre Therapie durch. Ich kenne ja bereits den Stunden-Wochenplan der Therapie. Ich kann das also schon ein bisschen einschätzen.

Unter Quetiapin leidet leider auch meine Kreativität, was ich ziemlich ätzend finde. Früher war ich ziemlich kreativ, habe Schmuck oder andere Dinge gebastelt, musiziert, gerne gemalt und sehr gerne geschrieben und noch vieles, vieles mehr. Selbst in der Küche war ich kreativ. Meine Kreativität spiegelt sich sogar in unserem gesamten Haus, so, wie es von mir dekoriert und eingerichtet wurde. Mein Mann hat dafür kein Händchen, überlässt das deshalb in der Regel mir.

Nun scheint Quetiapin jedoch bei mir genau diejenigen Hirnregionen zu blockieren, in denen meine Kreativität normalerweise entsteht. Leider weiß ich von früheren Therapien her, dass während meiner stationären Therapie sicherlich auch irgendwann meine Kreativität gefragt wird. Davor habe ich schrecklich viel Angst. Weil ich jetzt schon weiß, dass ich ein vollkommenes Black-Out haben werde. Ich komme mir dabei schon jetzt so minderwertig vor.

Na ja, am Neunten habe ich einen Termin bei meiner neuen Psychologin. Ich werde das Thema dann ansprechen. Ich würde gerne noch weiter runter mit dem Quetiapin. Es ist mir dabei eigentlich auch egal, wenn die Borderline Symptomatik dadurch wieder schlimmer wird. So bin ich wenigstens authentischer mich selbst, ohne künstlich stabil und ruhig gehalten zu werden. Das kann doch für die stationäre Therapie nur von Vorteil sein. Oder? Denn auf Tabletten ruhig gestellt, ergibt ja ein komplett falsches Bild von einem selbst. Oder irre ich mich? Bin mir nicht ganz sicher.

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Ohrakupunktur gegen Suchdruck

Morgen habe ich einen Termin zur Ohrakupunktur, die in „meiner“ Psychiatrie gegen Suchtdruck angeboten wird. Sie wird sogar von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Die Wirksamkeit dieser Methode wurde über Studien belegt. Es ist also kein Hokuspokus. Im Oktober habe ich diese Akupunktur schon mal ausprobiert. Danach hatte ich jeweils wirklich das Gefühl, vollständig frei von Suchdruck zu sein. Leider hat dieser befreite Zustand jeweils nur ein paar Tagen angehalten. Die Ohrakupunktur wird zwei Mal wöchentlich angeboten. Zumindest am Anfang empfiehlt es sich wohl sehr, diese Termine regelmäßig wahr zu nehmen. Sozusagen als Prävention vor Rückfällen.

Wie ich in meinem letzten Blog-Eintrag erwähnt habe, bin ich ein ziemlicher Suchtmensch. Ich kann dieses Angebot von dem her richtig gut gebrauchen. Ab März, wenn ich zur stationären Therapie in die Klinik gehe, muss ich vollständig drogenfrei sein. Und das möglichst bereits ein Monat zuvor. Das würde für mich also bedeuten, dass ich spätestens ab Anfang Februar vollständig drogenfrei sein sollte. Als Deadline habe ich mir nun einfach ganz mutig den morgigen Tag gesetzt. Weil das von den Terminen her mit der dazu passenden Akupunktur so gut zusammen passt.

Außer Cannabis und Nikotin habe ich derzeit aber eigentlich alle Drogen ziemlich gut im Griff. Ich will damit jetzt nicht sagen, dass ich nie einen Rückfall baue. Das wäre gelogen. Als Borderlinerin und Polytoxikomanin bin ich leider sehr labil. Solche selbstzerstörerische Rückfälle sind aber selten und in der Regel nur von kurzer Dauer.

Cannabis hingegen konsumiere ich täglich. Denn bereits seit längerer Zeit besitze ich dafür eine Ausnahmegenehmigung vom BfAuM (Bundesamt für Arzneimittel u. Medizinprodukte), der staatlichen Bundesopiumstelle. Also alles ganz legal. Medizinisches Cannabis beziehe ich in der Apotheke. Meine Cannabis-Therapie wird von einem Arzt begleitet. Doch für meine stationäre Therapie im März muss ich nun auch frei von Cannabis werden. Die DBT Stations-Psychologin findet, dass sich Cannabis nicht wirklich mit der Therapie verträgt. Ein bisschen ärgert mich das. Denn ich bekomme Cannabis ja als Medizin verabreicht. Weshalb also soll ich plötzlich auf meine Medizin verzichten müssen, wo doch selbst die Bundesopiumstelle anerkennt, dass es meine Medizin ist?

Na ja, vielleicht ist es ganz gut, mal wieder eine längere Pause einzulegen. Unterstützend dazu werde ich in Zukunft zwei Mal wöchentlich zur Ohrakupunktur gehen. Damit sollte es klappen. Sollte ich dennoch am Rad drehen, kann ich mir notfalls auch meinen Notfall-Bedarf an Psychopharmakas einpfeifen. Das legt mich dann flach. 🙂

Ab morgen werde ich also mal wieder für eine längere Zeit drogenfrei leben. Hoffentlich gelingt mir das.

Lieben Gruß
Ruby

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Ein Suchtmensch mit Angst

Nun habe ich mich hier schon wieder monatelang nicht gemeldet. Als ob ich nichts zu erzählen hätte. Dabei ist in der Zwischenzeit wieder so viel passiert. Wer sich durch den Beitrag „aktive Passivität“ durchgekämpft hat, weiß, dass ich über längere Zeit aufgrund einer Spätfolge einer Magersucht mit einem künstlichen Darmausgang leben musste. Seit dem 5. November letzten Jahres hat sich das zu meiner großen Erleichterung und Freude wieder geändert. Denn an diesem Tag wurde im Klinikum Oldenburg mein Darm an seinen angestammten Platz zurück verlegt. Bereits drei Tage nach der Operation ließ ich mich entgegen dem Anraten der Ärzte aus dem Krankenhaus entlasten. Vier Wochen später hatte ich mich fast vollständig wieder davon erholt. Meine Darmfunktion mit allem drum und dran funktioniert schon fast wieder wie früher.

Dieser künstliche Darmausgang war das körperlich Schrecklichste, was ich bisher in meinem Leben erdulden habe. Insgesamt war ich deswegen letztes Jahr sieben Mal im Krankenhaus. Für einen Borderline-Menschen mit meiner ausgeprägten Symptomatik ist nur schon das ein wahrer Horror. Ich weiß im Nachhinein gar nicht, wie ich das geschafft habe. Komischerweise haben mir dabei auch alltägliche Dissoziationen geholfen, die ich bewusst ausgelöst habe. Zum Beispiel, wenn ich das Teil täglich versorgen musste. Ich habe mich dabei von meinem Körper abgespalten und einen vollkommen fremden Körper vor mir versorgt. Nur so hat das geklappt. Seither weiß ich, dass Dissoziationen nicht unbedingt einfach nur pathologisch krank betrachtet werden sollten. Sie können auch einen positiven Nutzen haben, wie man an meinem Beispiel sieht.

Ich bin nun unendlich froh, dass ich den künstlichen Darmausgang wieder los bin. Nicht mal meinem ärgsten Feind wünschte ich so ein Teil. Es ist einfach nur schlimm, mit so einem Ding leben zu müssen. Wahrscheinlich hätte ich mich umgebracht, hätte ich ein Leben lang damit leben müssen. Suizidgefährdet war ich aber sowieso die ganze Zeit. Nur mit Hilfe von Antidepressivas ist es mir gelungen, diese Zeit zu überleben. Derzeit bekomme ich 45mg Mirtazapin. Zu den Antidepressivas bekomme ich auch noch ein Neuroleptikum. Darüber habe ich in diesem Blog ja bereits geschrieben. Die Dosierung hat sich inzwischen jedoch drastisch erhöht. Täglich bekomme ich derzeit nebst Mirtazapin 900mg retardiertes Quetiapin. Zusätzlich darf ich bei Bedarf, zum Beispiel bei hoher Anspannung, nochmals 600mg Quetiapin nehmen. Insgesamt würde ich dann auf einer tägliche Dosierung von 1500mg landen. Das ist dann schon ganz schön heftig. Ein normaler Mensch wäre damit wohl tagelang ausgeknockt. Eigentlich werden solche Dosierungen nur bei akuten Psychosen verschrieben. Das gibt mir schon ein bisschen zu denken. Für Borderliner wird das Medikament meist viel niedriger dosiert. Na ja, ich nehme die Pillchen schön brav, genau so, wie es mir meine Psychiaterin in der Klinik empfohlen hat.

Die hohen Dosen Psychopharmakas erzeugen leider auch eine breite Palette Nebenwirkungen. Aber ohne Medikamente scheine ich nicht mehr richtig klar zu kommen. Sie sind für mich Krücken geworden, die ich anscheinend brauche, um mich überhaupt im Leben weiter bewegen zu können. Dabei wünschte ich mir sehnlichst, frei von diesen Medikamenten leben zu können. Denn wenn man wirklich ehrlich ist, verändern diese Medikamente uns Menschen. Es wird damit direkt ins Hirn eingegriffen.

Im März bin ich für eine stationären Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) in der Karl Jaspers Klinik vorgemerkt. Das ist eine Psychiatrie in der Nähe von Oldenburg, wo ich nun schon länger behandelt werde. DBT ist eine sehr vielversprechende Therapie für Borderliner. Eigentlich hätte ich den Aufnahmetermin bereits Anfangs diesen Februars gehabt. Aus Feigheit und Angst habe ich mir nun aber noch einen Monat länger Schonzeit erbeten. Also bis März.

Ich würde gerne kneifen. Würde mich gerne in einen Vermeidungs-Modus begeben und einfach auf die Therapie pfeifen. Der vernünftige Part in mir sagt mir jedoch immer wieder, dass ich das unbedingt machen muss, es eine Chance für mich werden kann, wieder besser durchs Leben zu kommen. Es gibt aber auch von außen sanften Druck auf mich. Sei es von meiner Klinik-Psychiaterin und von meiner Klinik-Therapeutin, bei denen ich nun schon länger ambulant in Behandlung bin. Ich bin mir sicher, dass sie enttäuscht wären, wenn ich nun vor der stationären Therapie drücken würde. Beide sind sie der Meinung, dass ich davon nur profitieren kann. Nur gewinnen kann ich. Verlieren kann ich damit nicht. Des Weiteren bekomme ich auch noch sanften Druck von meinem Mann. Er setzt darin auch viel Hoffnung für unsere gemeinsame Zukunft. Er merkte erst vor kurzem an, dass ich unter der ambulanten DBT richtig aufgeblüht bin. Er wäre sicherlich unheimlich enttäuscht, wenn ich diese Chance nicht nutze.

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) in der Karl Jaspers Klinik setzt sich aus drei Blöcken von je einem Monat stationärer Therapie zusammen. Dazwischen liegen jeweils acht Wochen ambulante Erprobungsphase. Insgesamt dauert es also sieben Monate, bis meine Therapie wieder zu Ende ist. Nach meiner Rechnung wäre mein letzter stationäre Aufenthalt dann im Oktober. Fast das ganze Jahr bin ich dann also therapeutisch schon ziemlich ausgebucht. Nebst bei stehe ich noch bei einer niedergelassenen Psychologin für eine Psychotherapie, die in Richtung Traumatherapie geht, auf der Warteliste. Das Vorgespräch dafür hatte ich bereit vor ein paar Monaten. Diese Therapie beginnt ebenfalls in diesem Jahr. Wahrscheinlich gegen Ende des Frühlings. Diese Therapie ist mir besonders wichtig. Denn damit erhoffe ich mir, in Zukunft besser mit Flashbacks, Alpträumen, Schlafstörungen und Dissos umzugehen.

Als eines der Ziele der stationären Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) wünschte ich mir, weniger Psychopharmakas nehmen zu müssen. Aber ehrlich gesagt bin ich über jede positive Veränderung zufrieden, sei sie noch so klein.

Ich habe extrem viel Angst vor dem stationären Aufenthalt. Am Neunten diesen Monats war ich zur Vorgruppe der stationären DBT. Bereits das hat mich unheimlich viel Überwindung gekostet. Während dieser Sitzung wurden wir über den Patienten-Stations-Vertrag aufgeklärt, dass man sich nicht selbst verletzen darf, kein Suizid begehen darf, andere Patienten zu sensiblen Themen nicht triggern darf, keine Beziehung mit einem Patienten aufbauen darf usw…. Genau, partnerschaftliche Beziehungen sollen sich möglichst keine entwickeln. Meine Station, auf die ich komme, wird also eine gemischte Station sein, männchen und weibchen. Das war nicht immer so. Früher war es wohl eine reine Frauenstation. Na ja, mir ist das egal. Das ist jedenfalls mein geringstes Problem. So oder so habe ich Angst vor dem stationären Aufenthalt.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das schaffen werde. Ob ich das überhaupt kann? Ich habe Angst davor, zu versagen und dass ich dem Klinik-Alltag gar nicht gewachsen bin. Ich habe Angst vor meinen Mitpatienten, Angst davor, dass ich auch dort eine Außenseiterin sein werde. Ich habe so viele verschiedene Ängste in mir, so dass es mir vorkommt, als ob es mich gleich in alle Einzelteile zerreißt. Ich kann diese Ängste hier gar nicht alle aufschreiben. Und wenn ich mich doch mal jemandem vollständig offenbare, heißt es, ich würde katastrophisieren. Ich will jetzt nicht jammern.

Notfalls könnte ich die Therapie ja auch abbrechen…, ich bin dort ja nicht gefangen. Auch hierzu gibt es eine Regel. Wenn man die stationäre Therapie abbrechen will, muss man das 24 Stunden früher bekannt geben. Dieser eine Tag soll dazu dienen, die jeweilige Entscheidung nochmals zu überdenken.

Eine weitere Regel ist der Verzicht auf Drogen und Alkohol. Während den sieben Monaten muss ich darauf verzichten. Alles andere könnte die Therapie gefährden, was eigentlich nix anderes bedeutet, als dass man sonst aus der Therapie geschmissen wird. Während der gesamten Therapiedauer kann es deshalb auch zu Drogenscreenings kommen. Für mich ist diese Regel nicht unbedingt sehr einfach. Denn Substanzmissbrauch gehört leider zu meinen selbstzerstörerischen Verhaltensweisen dazu. Bereits seit früher Jugendzeit. Quasi übergangslos vom selbstverletzendem Ritzen an die Nadel, beziehungsweise Spritze. Leider ist das so. Dieses Schicksal teile ich aber auch mit anderen Borderlinern. Ich spritze mir aber nun schon seit vielen Jahren keine Drogen mehr. Was mich jedoch nicht vor anderweitigen Konsumformen aufhält. Wenn ich wirklich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich durch und durch ein Suchtmensch bin. Es muss noch nicht einmal Substanzmissbrauch sein, sondern kann auch komplett anders gelagert sein. Wie meine Magersucht Phasen. Oder Kaufrausch, der mich auch immer wieder mal überfällt. Internetsüchtig bin ich wahrscheinlich auch schon. Sogar selbstverletzendes Verhalten kann bei mir eine Suchtproblematik auslösen. Ich bin ja so was von gestört….

Lieben Gruß
Ruby

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