Nicht alleine sein können!

In ca. zwei Wochen fährt mein Mann für insgesamt 11 Tage alleine nach Süd-Portugal in den Urlaub. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich ebenfalls mitfahren können. Da ich jedoch viele Jahre dort gewohnt habe und zahlreiche Erinnerungen an diese Zeit habe, hätten mich meine Gefühle wohl regelrecht erschlagen. So bleibe ich besser alleine zu Hause und hüte Hund und Haus. Diesen Montag machte ich das während dem Therapiegespräch bei meiner Psychologin zum Thema. Denn ich habe wahnsinnige Schwierigkeiten alleine zu sein. Manchmal ist das so schlimm, dass ich mich sogar zu Hause, wenn mein Mann sich in einem anderen Zimmer befindet, alleine, beziehungsweise schon fast wie verlassen fühle.

So wirklich ungewöhnlich ist das für Borderliner nicht. Viele von uns haben Probleme mit alleine zu sein. Der Ursprung dieses Unvermögen liegt wahrscheinlich in früher Kindheit. Irgendwelche traumatischen Erfahrungen, die man damals bezüglich dem Verlassen-werden gemacht hat. Zum Beispiel, wenn eine Mutter in frühen Jahren ihr Kind vernachlässigt oder abgewiesen hat. Ein normaler erwachsener Mensch steckt solche Kindheitserfahrungen wahrscheinlich viel leichter weg. Bei Borderliner hingegen hat sich das jedoch tief in die Seele gebrannt. Borderliner in einer festen Beziehung haben deshalb oft unangemessen hohe Verlustängste.

Komischerweise haben mein Mann und ich getrennte Schlafzimmer. Das wiederum ist ganz okay für mich. Zu viel körperliche Nähe kann mir manchmal nämlich auch zu viel werden. Nur ganz alleine sein, das kann ich kaum. Dieses nicht alleine sein können, engt meinen Mann zuweilen richtig ein. Nicht selten fühlt er sich damit überfordert und behindert. Hin und wieder nimmt er es als Klammern wahr. Er meinte letzthin, dass das manchmal infantile Züge annimmt.

Die Idee zu diesem Urlaub ist ursprünglich von mir gekommen. Ich habe ihn förmlich dazu gedrängt, sich diese Reise zu buchen. Er freut sich riesig darauf. Er träumt schon lange davon. Die ganzen letzten Jahre hat er sich extrem für mich aufgeopfert. Nur schon deshalb hat er diesen Urlaub redlich verdient. Ich gönne es ihm von ganzem Herzen. Und für mich persönlich ist es ein gutes Übungsfeld mir zu beweisen, dass ich es auch mal schaffen kann, ganz alleine zu sein.

Meine Therapeutin gab mir viele hilfreiche Tipps, wie ich diese Zeit gut überstehen kann. Am wichtigsten ist, dass ich mir in dieser Zeit selbst ein zeitausfüllendes Programm erarbeite. Ich habe in dieser Zeit bereits einige Termine, die ich wahr nehmen muss. In dieser Zeit werde ich in seinem Bettchen schlafen, um ihn vom Gefühl her näher bei mir zu haben. Auch werde ich wohl in dieser Zeit mindestens drei Treffen mit meiner Betreuerin haben. Und mindestens zwei Mal will ich mich in dieser Zeit mit einem guten Freund verabreden. All diese Verabredungen und Termine werden mich hoffentlich ein bisschen ablenken und mich weniger auf dumme Gedanken bringen. Mit dummen Gedanken meine ich selbstschädigendes, selbstverletzendes, destruktives Verhalten. Einen Notfall-Plan mit wichtigen Telefonnummern habe ich auch bereits. Und jeden zweiten Tag werde ich mit meinem Mann per Webcam skypen. Das gibt mir dann das Gefühl, ihn nahe bei mir zu haben. Eigentlich bin ich für diese Zeit ziemlich gut gerüstet. Was kann denn da noch schief gehen? Es sind ja nur 11 Tage, die ich ohne mein Mann durchhalten muss. Und ganz alleine bin ich ja nicht. Mein kleines, süßes Hundemädchen ist ja immer bei mir. Sie wird meinen Mann bestimmt auch arg vermissen, denn sie hängt sehr an ihm.

Bis mein Mann in den Urlaub fährt, werde ich ihn möglichst mit meinen Ängsten vor dem Allein-sein verschonen. Ich will ihm die Vorfreude nicht versauen. Er soll unvoreingenommen und ohne schlechte Gefühle in den Urlaub fahren. Wie gesagt, ich mag ihm das von Herzen gönnen. Er hat diesen Urlaub richtig verdient. Denn die letzten paar Jahre war er beständig für mich da.

Ich liebe und vergöttere meinen Mann sehr. Ob das typische Idealisierungsphasen einer Borderlinerin sind, vermag ich an dieser Stelle nicht zu sagen. In einem Fachbuch habe ich jedoch gelesen, dass Borderliner dazu neigen, zwischen solchen Phasen und gegenteiligen Phasen der Abwertung hin und her zu wechseln. Manchmal trifft das sicherlich auch auf mich zu. Es heißt, dass während den Phasen der Idealisierung der Borderliner seinen Partner auch regelrecht spiegelt, was beim Partner den Eindruck hinterlassen kann, dass in solchen Phasen die Beziehung beinahe perfekt zu sein scheint. Das klingt seitens des Borderliner sehr berechnend, ist es aber nicht, weil das nicht mit Absicht sondern vielmehr unbewusst passiert. Böse Zungen behaupten, dass es dem Borderliner an eigener Identität fehlt und sie deshalb gerne ihre Partner spiegeln. Solche Vorurteile kann ich jedoch nur schlecht ertragen. So, nun beende ich den Eintrag für heute. Die nächsten Tage werde ich mich sicherlich wieder einmal melden.

Ganz lieben Gruß
Ruby

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