Mein Mann und ich

Viele Erinnerungen meiner späteren Vergangenheit teile ich mit meinem Mann. Mein Mann ist elf Jahre älter als ich. Wir haben uns vor langer Zeit in Portugal kennengelernt. In einem Hippie-Aussteiger Dorf, indem ich jahrelang gelebt habe. 2003 bin ich ihm nach Deutschland gefolgt. Noch im gleichen Jahr haben wir geheiratet. Ursprünglich bin ich keine Deutsche, fühle mich aber dennoch wie eine.

Bereits vor unserer Heirat wusste mein Mann, dass es mit mir nicht immer leicht werden wird. Die Anfangszeit nach dem Kennenlernen erlebte ich sehr intensiv. Stürmisch, leidenschaftlich und romantisch, voller Sex geladen. Ich war sehr verliebt. Mein Mann, der damals in Portugal Urlaub machte, zog nach kurzer Zeit zu mir. Finanziell war er damals schon abgesichert. Und so blieb er bei mir in Portugal. Ich war richtig froh darum, zumal ich ein Leben alleine kaum mehr ertragen konnte. Seit dieser Zeit hänge ich an ihm. Wie ein Magnet.

Meinem Mann kann ich nichts mehr vormachen. All die Jahre waren wir fast täglich zusammen. Schon früh erkannte er, dass ich nicht wie andere ticke. Wir haben extreme Höhen und extreme Tiefen miteinander durchlebt. Eine Beziehung „normaler“ Menschen wäre daran sicherlich zerbrochen.

Schon zu Beginn unserer Beziehung hatten wir, trotz beidseitiger, intensiver Verliebtheit, immer wieder Stress. Teilweise stritten wir richtig heftig, auch schon während unserem ersten Beziehungsjahr. Und immer wieder trennte ich mich von ihm, nur um wenig später zu erkennen, was für ein Fehler das wär. Denn das Gefühl, von ihm verlassen zu werden, würde mich in ein abgrundtiefes Loch zurück werfen. Ich weiß ja, wie es ist, lange Zeit alleine sein zu müssen.

Diese kurzzeitigen Trennungen ziehen sich wie ein dickes Band durch all die Jahre unserer Beziehung. Gefühlte hundert Mal oder mehr habe ich mich bereits von ihm getrennt. Die Intention dazu kam eigentlich fast immer nur von mir. Obwohl ich es in diesem Moment, während ich diese Zeilen hier schreibe, bitterlich bereuen würde, wären wir wirklich getrennt. Solche On-Off-Beziehungen sind für Borderliner nicht unbedingt ungewöhnlich, wie ich vor Jahren einmal in einem Buch gelesen habe. Das Wissen, dass unsere Beziehung in diesem Bezug gesehen, nicht ganz so ungewöhnlich ist, beruhigt mich.

Ich weiß, dass ich als Mensch ziemlich beziehungsgestört bin und man mit mir keine gewöhnliche Beziehung führen kann. Es erfordert in jedem Fall einen geduldigen, starken, liebevollen Partner wie meinen Mann. Er ist sehr bodenständig und geerdet, steht mit beiden Beinen fest auf diesem Planeten. Ein anderer hätte mich längst verlassen. Ich verfüge über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und einem ausdauernden Hang, alles bis zum Ultimo ausdiskutieren zu müssen. Nur schon diese Kombination brächte viele Männer auf die Palme. Mein Mann ist darin geduldiger. Und er kann sich klar und bestimmt ausdrücken, wenn ihm was zu viel wird.

Unser Beziehungsmodell hat sich während den vielen gemeinsamen Jahren und den immer wiederkehrenden kurzzeitigen Trennungen beständig gewandelt. Wir haben uns als Paar immer wieder neu definiert und entwickelt. Ich schätze mal, dass das für mich als Borderlinerin sehr wichtig war. Und dass das auch der Grund ist, weshalb wir es all die Jahre miteinander überhaupt ausgehalten haben. Die anfänglich leidenschaftliche Verliebtheit ist über all die Jahre mittlerweile einer innig verbundenen Bruder-Schwester Beziehung gewichen, die nicht weniger schön ist. Das rein Platonische hat das Körperliche verdrängt. Ich liebe meinen Mann aber immer noch abgöttisch. Meistens jedenfalls. Daran hat sich nichts geändert.

Bereits vor Jahren haben wir uns aus dem starren, vorgelebten, konservativen, gesellschaftlichen Beziehungskorsett befreit und uns in einer freien, offenen, konventionsloseren Beziehung neu gefunden. Mein Mann gesteht mir innerhalb unserer Beziehung extrem viel Freiheiten zu, wahrscheinlich viel mehr, als in normalen Beziehungen üblich wäre.

Er ist zwar nicht so sehr der verschmuste, kuschelige, anhängliche Typ. Jedoch ist er mir gegenüber sehr verlässlich, lieb und fürsorglich. Er kennt all meine Macken, hat aber dennoch eine Engelsgeduld mit mir. Viele Dinge, die mir in meinem Leben immer schon Schwierigkeiten bereitet haben, zum Beispiel amtliche, administrative Dinge oder ähnliche Verpflichtungen zu erledigen, nimmt er mir ab und erledigt sie für mich. Seit ich mit ihm zusammen bin, habe ich auch endlich gelernt, mit Geld umzugehen. Zuvor konnte ich das nicht. Und wenn ich wieder einmal Angst vor irgendwelchen Terminen habe, begleitet er mich. Meist geht er auch einkaufen. „Einkaufen gehen“ empfinde ich mit meiner sozialen Phobie als unheimlich anstrengend und stressig. Ich kann das nur noch mit einem Scheuklappenblick. Damit ich möglichst mit keinem meiner Mitmenschen in Kontakt treten muss. Und sei es nur über einen flüchtigen Blick. Ein voller Supermarkt wäre für mich ein Horror. Deshalb würde ich auch nie zu Stoßzeiten einkaufen gehen, würde mir immer nur Zeiten suchen, wo möglichst wenig los ist.

Wenn ich die vergangenen Jahre reflektiere, weiß ich, dass mein Mann für mich das Allerbeste ist, was mir in meinem Leben überhaupt passieren konnte. Er vermittelt mir Sicherheit, die ich alleine nicht habe. Und stets motiviert und unterstützt er mich den jeweiligen Situationen entsprechend. Er hilft mir, wo er nur kann. Er begleitet mich durch mein Leben. Vor gar nicht so langer Zeit meinte er, dass es offensichtlich sein Schicksal wäre, auf mich aufzupassen. Mein Mann ist für mich nicht mehr einfach nur mein Ehemann. Er ist mehr für mich geworden. Wie mein älterer, beschützender, fürsorglich liebevoller Bruder. Als ob in unseren Adern das gleiche Blut fließen würde. Und genau so unschuldig, wie Bruder und Schwester, die sich aufgrund ihrer gemeinsamen Vergangenheit innig in Liebe verbunden fühlen, leben wir. Kurzzeitige Trennungen nicht ausgeschlossen. Aber sie werden von Jahr zu Jahr weniger.

In unserem Haus hat jeder sein eigenes Schlafzimmer. Ein gemeinsames Schlafzimmer gibt es bereits seit ein paar Jahren nicht mehr. Wir brauchen beide ein eigenes Zimmer! Das ist mir sehr wichtig. Mein eigener Rückzugort zu haben. Mein Zimmer habe ich spirituell verspielt eingerichtet, teilweise mit hinduistischen Elementen und Götterbilder aus meiner Hare Krishna Zeit, inklusive einem kleinen Altar und einer spirituellen Meditationsecke, mit Klangschalen, vielen Kerzen, Räucherstäbchen und Duftlämpchen.. Zu meinem kleinen Reich gehört auch noch ein zweites, kleines Zimmer, aus dem ich ein Musikzimmer gebastelt habe. Dort stehen meine schönsten E-Gitarren, mein Keyboard, Mikrofone, Trommeln usw… und allerlei Computer Kram, den ich für Musikaufnahmen brauche.

Mein Mann bewohnt ein Zimmer im unteren Stockwerk. Es ist spartanisch zweckmäßig, männlich und sehr durch strukturiert eingerichtet. Er mag es so. Mir wäre das zu kalt. Und in einem Durchgangszimmer im Haus hat sich mein Mann seine Computerecke eingerichtet. Dort sitzt er gerne und bastelt an Programmen und Verbesserungen seines Computers. Im IT-Bereich ist er sehr bewandert, richtet auch schon mal die Computer von Bekannten ein oder hilft, wenn wieder mal alles hängt. Er ist darin sehr engagiert, kann sich konzentriert in richtig komplizierte Materien einarbeiten. Und ich profitiere davon. Mein Laptop hält er immer auf dem neusten Stand, macht regelmäßig Sicherungen meines Computers und traut sich sogar kleinere Reparaturen zu, wenn mal gar nichts mehr laufen will.

Innerhalb unserer Beziehung haben wir uns nie mit anderen Menschen betrogen. Ein solcher Betrug kann es in unserer freien, offenen Partnerschaft gar nicht mehr geben. Wenn der eine immer alles vom anderen weiß und man sich sowieso alle Freiheiten zugesteht, kann es keine Betrügereien mehr geben. Betrug kann es nur in Beziehungen geben, die streng konservativ und monogam ausgerichtet sind. Darüber sind wir schon längst hinaus. Bereits seit vielen Jahren. Ansonsten hätte unsere Beziehung vielleicht gar nicht so lange überlebt. Den Begriff Treue haben wir für uns neu definiert. In unserer Verbundenheit sind wir uns immer treu.

Ich bin froh, dass mich mein Mann nie verlassen hat. Ich könnte das Alleinsein mit mir inzwischen gar nicht mehr ertragen. Alleine gehe ich unter. Das würde ich nie schaffen. Das wäre mein Tod, mein absolutes Verderben. Daran darf ich gar nicht denken. Ich komm sonst richtig schlecht drauf. Beim Vorstellen solcher Szenarien drängen sich mir oft die dazu passenden Gefühle auf. Wie ein Vorgeschmack der Gefühle, die ich in Zukunft irgendwann ertragen muss. Bei allem, was ich mir jeweils vorstelle. Immer gibt es kostenfrei die Gefühle dazu. Als ob ich die vorgestellten Situationen jeweils bereits durchlebe. Meist sind es Gefühle, die nur zum schlecht möglichstem Szenario passen. Keine guten Gefühle, sondern welche, die mir viel Angst bereiten. Manchmal ist da aber auch einfach nur noch eine tiefe Leere. Ohne die Fähigkeit, überhaupt noch ein gescheites Gefühl zu verspüren…

Über all die Jahre habe ich mich von meinem Mann immer abhängiger gemacht. Von Jahr zu Jahr ein bisschen mehr. Ich habe mich ihm gegenüber jedes Jahr ein bisschen bedürftiger gemacht und immer mehr Verantwortung, die mir zu viel wurde, an ihn abgetreten. Alle schweren Entscheidungen wälze ich auf ihn ab. Ich selbst fühle mich dafür oft nicht genug belastbar. Und wenn ich diese Entwicklung im Nachhinein anständig und ehrlich betrachte, muss ich mir eingestehen, dass ich mich nicht grundlos in diese bedürftige Person verwandelt habe, die man nicht mehr einfach so verlassen kann. Jedenfalls nicht, wenn man noch ein bisschen Verantwortung in sich trägt.

Letztes Jahr gipfelte dieses „Bedürftig-machen“ aber leider auch noch in einer heftigen Essstörung, die im Krankenhaus endete. Darüber werde ich in meinem nächsten Eintrag schreiben. Heute schaffe ich das nicht mehr. Und diesen Eintrag hier will ich mit dem Bewusstsein beenden, mich in Zukunft nach und nach wieder ein bisschen aus der Abhängigkeit meines Mannes zu lösen, ohne dass unsere Beziehung dabei Schaden nimmt. Das wird ihm dann wieder ein bisschen mehr Luft zum Atmen geben. Mit diesem Vorsatz verbleibe ich mit einem netten Gruß,

Ruby

 

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