Erstes DBT Modul geschafft.

Meine derzeitig ambulant psychiatrische Betreuerin meinte zu mir, dass ich wieder Tagebuch schreiben soll. Da habe ich mich doch flugs daran erinnert, dass ich hier im I-Net noch ein Blog besitze.

Mein letzter Eintrag stammt vom Februar. Ist nun auch schon wieder etliche Monate her. Vom 9. März bis zum 6. April habe ich eine stationäre dialektisch-Behaviorale Therapie in der Karl Jaspers Klinik in Wehnen bei Oldenburg besucht. Die Therapie wird in drei stationären Modulen von je einem Monat unterteilt. Dazwischen liegen immer acht Wochen Erprobungsphase, die man dann zu Hause verbringt, um das auf Station Gelernte in der Praxis zu üben. Das gehört dort zum Therapiekonzept. In anderen Kliniken, wie zum Beispiel in Bremen, wird diese Therapie ohne Erprobungsphasen in einem Stück durchgezogen. Das hat den Nachteil, dass man nicht wirklich sieht, welche zu bearbeitenden Schwachstellen sich während den Erprobungsphasen noch auftun. Von dem her bin ich eigentlich recht zufrieden mit meiner Klinikwahl.

Der Monat auf Station war eine recht harte Zeit für mich. Gleich zu Beginn wurden meine schlimmsten Befürchtungen wahr. Nämlich, dass ich mit meiner Zimmernachbarin nicht klar komme. Sie hat mich die ersten Tage aufs schärfste gemobbt. Am fünften Tag kam es dann zum Eklat. Ich habe sie wegen ihrem Mobbing zur Rede gestellt. Ich konnte meine Wut nicht mehr im Zaum halten, bin vollständig ausgeflippt. Ich wollte schlichtweg kein Opfer mehr sein. Die ganze Abteilung haben wir mit unserem Streit aufgemischt. Es wurde sehr, sehr laut. Danach gab es mehrere Gespräche mit meiner Psychologin, meiner Psychiaterin und dem ganzen restlichen Team. Ich durfte dann glücklicherweise das Zimmer wechseln. Mit meiner neuen Zimmernachbarin verstand ich mich super gut. Wir stehen auch jetzt noch im engen Kontakt zueinander. Anfang Mai war sie sogar vier Tage zu Besuch bei mir.

Das Therapieprogramm auf Station war überaus anspruchsvoll. Die ersten zwei Wochen stand ich unter extremer Hochanspannung und fühlte mich total gestresst. Während den Gruppentherapien wurde ich öfters zum runter Skillen aus dem Raum geschickt. Von Tag zu Tag besserte es jedoch. Die Therapie hat mich dennoch sehr gefordert. Samstag durften wir jeweils bis Sonntagabend nach Hause.

Während der Therapie habe ich eine Menge über mich, mein Denken, mein Handeln und mein Verhalten gelernt. Von Woche zu Woche hat mich der Ehrgeiz immer mehr gepackt. Bis ich mich voll und ganz auf die Therapie einlassen und konzentrieren konnte. Ich entwickelte mich immer mehr zur Streberin, was auch an meinem Hang zum Perfektionismus liegen mag. Meine hohen Ansprüche an mich selbst gehören eigentlich ebenfalls zu meinem krankheitsbedingten Problemverhalten. Denn daran scheitere ich auch immer wieder mal, was sich dann teilweise verheerend auf mein Leben auswirken kann.

Nicht all meine Mitpatienten haben die Therapie als Chance verstanden. Von einigen hatte ich den Eindruck, als ob sie die Therapie mit einem Ferienlager verwechseln. Diese Patienten habe ich eher gemieden und mich an diejenigen Patienten gehalten, die die Therapie ebenfalls als ernsthafte Chance verstanden, ihr Leben wieder besser in den Griff zu bekommen. Das ist das Beste, was ich in meiner Situation überhaupt machen konnte.

Am 6. April wurde ich dann wieder aus der Klinik entlassen. Zuvor habe ich noch ein Notfallplan für Krisen erarbeiten müssen. Das ganze Stationsteam der S1 (Borderlinestation) lobte mich bezüglich meiner positiven Entwicklung während der Therapie.

Damit ich während der ambulanten Erprobungsphase nicht wieder in meinen alten Trott der sozialen Isolation, Strukturlosigkeit und selbstschädigendem Problemverhalten verfalle, wurde mir für diese Zeit eine ambulant psychiatrische Betreuerin an die Seite gestellt. Sie kommt mich regelmäßig bei mir zu Hause besuchen und übt mit mir Dinge, die ich mir schon seit Jahren nicht mehr zugetraut habe. Zum Beispiel in ein Kaffee zu gehen. Oder ganz profan einfach nur spazieren zu gehen. Nebst bei habe ich fast jeden Tag irgendwelche Termine, die ich wahrnehmen muss. Fast jeden Tag fahre ich deswegen zur Karl Jaspers Klinik. Zwei Mal wöchentlich nehme ich dort an einer Ergotherapie in der Holzwerkstatt teil, zwei Mal wöchentlich fahre ich zur Ohrakupunktur nach dem NADA Protokoll in die Klinik, mit der ich mein Sucht-Craving, meine Hochstressphasen und meine teilweise enorme innere Anspannung, wie auch meine Schlafstörungen ein bisschen besser in den Griff zu bekommen versuche. Die Ohrakupunktur wird sogar von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Es handelt sich dabei um eine anerkannte Behandlung Sucht-kranker Menschen, eignet sich aber auch speziell für Borderliner sehr gut. Während meiner stationären Therapie konnte ich mir jeden Tag eine solche Akupunktur stechen lassen. Ein wirklich gutes Angebot. Des weiteren besuche ich in der Klinik regelmäßig die ambulante Skillsgruppe und Einzeltherapiegespräche mit meiner Psychologin und meiner Psychiaterin. An manchen Tagen wird mir mein Programm mit all diesen Terminen schon fast zu viel.

Worüber ich mich besonders freue, ist, dass ich zu all diesen Terminen alleine mit dem Auto hin fahre. Zuvor habe ich mich jahrelang nicht mehr getraut, mich hinters Steuer zu setzen. Eigentlich seit ich 2005 den Führerschein gemacht habe. Und nun fahre ich täglich fast 100 Kilometer. Von mal zu mal fühle ich mich ein bisschen sicherer. Mittlerweile traue ich mich sogar hin und wieder ein LKW auf der Landstraße zu überholen. Ich bin auch schon mit 170 Kilometer auf der Überholspur der Autobahn gefahren. Natürlich nur dort, wo man das auch darf. Noch vor wenigen Wochen hätte ich mir das nie zugetraut. Da ich ziemlich abgelegen wohne, verschafft mir das Autofahren endlich wieder ein bisschen zu mehr Mobilität. Außerdem ist es auch eine Entlastung für meinen Mann, der mich früher zu jedem Termin fahren musste. Ich bin doch ein bisschen stolz, dass ich mir das mittlerweile wieder alleine zu traue.

Seit ich im März stationär in Therapie war, lebe ich auch vollständig Drogen-frei. Bei meiner Aufnahme auf Station hatte ich noch ziemlich hohe Werte beim Drogenscreening. Seither habe ich aber keine Drogen mehr konsumiert. Von dem her werde ich wohl bei der nächsten stationären Aufnahme einen sauberen Drogenscreening hinlegen können.

Letzte Woche habe ich mit meiner ambulant psychiatrischen Betreuerin die Tagesstätte in Aurich besucht. Ich werde nun beim Sozialamt eine Eingliederungshilfe beantragen, damit ich in Zukunft vielleicht einen Platz in der Tagesstätte bekomme. Im ersten Arbeitsmarkt bin ich nach den vielen Jahren, während denen ich nicht arbeiten konnte, wahrscheinlich gar nicht mehr vermittelbar. Mit der Hilfe der Tagesstätte erhoffe ich mir jedoch irgendwann wenigstens wieder einen Einstieg in den zweiten Arbeitsmarkt. Beim Versorgungsamt in Oldenburg habe ich zudem einen Schwerstbehinderten Ausweis beantragt. Insgesamt konnte ich dafür sieben relevante gesicherte Diagnosen nachweisen, wozu unter anderem auch eine chronisch lebensbedrohliche Krankheit dazu gehört. Also nicht nur wegen der Borderline Erkrankung.

Am 14. Juni habe ich voraussichtlich wieder meinen Aufnahmetermin auf der S1, der Borderline-Station der Karl Jaspers Klinik. Dann wird der zweite Teil meiner stationären dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) beginnen, die dann wahrscheinlich am 12. Juli enden wird. Das dritte und letzte Therapie-Modul dürfte dann ungefähr im September beginnen. Bezüglich meiner Wiederaufnahme am 14. Juni plagen mich leider wieder zahlreiche Ängste. Darüber aber schreibe ich ein anderes Mal.

Nun ja, erst einmal belasse ich es mit diesem Blogeintrag. Er ist eh schon ziemlich lange geworden. In meinem Kopf kreisen aber bereits wieder einige Themen, die ich vielleicht bei meinem nächsten Eintrag in Schrift und Wort bringen werde.

Bis dahin sende ich jedem, der hier mit liest, einen lieben Gruß
Ruby

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