Endlich in Therapie

Seit meinem letzten Beitrag in meinem Blog ist es nun schon länger her. In der Zwischenzeit ist wieder so viel passiert, dass ich eigentlich ein Buch damit füllen könnte.

Ich habe vor kurzem eine DBT basierte ambulante Therapie in einer Psychiatrie meiner Gegend begonnen. DBT = Dialektisch-Behaviorale Therapie. Die Therapie ist speziell auf Menschen mit Borderline zugeschnitten und setzt sich aus psychotherapeutischen Einzelgesprächen und einer Skillgruppe zusammen, bei der man in fünf Modulen verschieden Themen ab- und ausarbeitet. Es geht um Achtsamkeit, Selbstwert, Stresstoleranz, Umgang mit Gefühlen und zwischenmenschliche Fähigkeiten. Unsere Gruppe ist eine reine Frauengruppe. Später kann ich das ganze noch in einer stationären DBT Therapie vertiefen. Die wird dann in drei Modulen von jeweils einem Monat unterteilt und ist natürlich einiges intensiver, da stationär. Ich werde hier beizeiten wahrscheinlich ebenfalls darüber berichten.

Hoffentlich werden mein Leben und meine „Störungen“ durch die Therapie nun wieder ein bisschen besser werden. Ich bin mir jedoch noch immer extrem unsicher, ob das überhaupt jemals noch was werden kann. Dennoch will ich dem ganzen eine Chance geben. Es ist schlussendlich mein letzter Strohhalm, an den ich mich klammern kann. So gesehen werde ich versuchen, mich möglichst gut darauf einzulassen. Leider stresst mich nur schon der Gedanke daran enorm. Und wenn ich dann an die eventuell lange Zeit denke, die ich damit noch vor mir habe, fühle ich mich total überfordert. Das fühlt sich dann an, als ob tierisch viel Gewicht auf oder in meinem Kopf abgeladen wird und der Druck immer mehr zu nimmt, als ob der Schädel gleich zerplatzt. Dann denke ich nicht selten, dass es eventuell einfacher wäre, sich aus dem Leben weg zu machen.

Freuen kann ich mich auf das nächste Therapie Gespräch noch nicht. Die innere Anspannung davor ist schon jetzt über groß. Meine diffusen Ängste verstärken das ganze noch. Vielleicht wird das ja dann mit der Zeit besser. Vielleicht, wenn ich dann spüre, dass mir die Therapie wirklich was bringt und ich zur Therapeutin ein gutes Vertrauensverhältnis aufgebaut habe und meine Angst, Anspannung und das Gefühl der Überforderung abnehmen. Würde ich nicht von meinem Mann unter Druck gesetzt werden, würde es wahrscheinlich nicht lange dauern, bis ich meine ersten Fehlstunden hätte. Ich brauche diesbezüglich immer jemand hinter mir, der mich ein bisschen vorwärts schubst. Sonst bleibe ich auf der Stelle stehen oder mach noch weitere Rückschritte. Ich habe totales Glück, dass mich mein Mann nach all den Jahren noch nicht sitzen lassen hat.

Er wittert nun Hoffnung, dass unsere Beziehung und unser gemeinschaftliches Leben durch die Therapie besser werden wird. Oder ich zumindest ein bisschen erträglicher innerhalb der Beziehung werde. Er ist ja nur schon froh, dass ich immer schön brav die Psychopharmakas schlucke und auf ihn damit einen stabileren, verträglicheren Eindruck mache. Auf die regelmäßige Einnahme meiner Medikamente wacht er mit Adleraugen. Seit ich sie nehme, streiten wir uns weniger. Das Zusammenleben ist ruhiger geworden. Meine Probleme gehen davon aber nicht wirklich weg.

Ich weiß, dass ich ohne ihn nicht leben, nicht existieren könnte. Ich wäre komplett aufgeschmissen. Wüsste nicht was machen. Ich könnte die Verpflichtungen und den administrativen Kram, den er für mich jeweils erledigt, gar nicht selbst in die Hände nehmen. Innerhalb kürzester Zeit würden sich bei mir ungeöffnete Briefe und Mahnungen stapeln. Ich kriege das einfach nicht geregelt. Und das in meinem Alter. Was für eine Versagerin! Alleine kann ich noch nicht einmal richtig mit Geld umgehen, habe irgendwie nie einen Bezug dazu gehabt. Wenn ich mein Mann nicht mehr hätte, dann hätte ich niemand mehr auf dieser Welt, die mein ganzes Leben immer fremd geblieben ist. Er ist meine einzigste Bezugsperson zu dieser Welt. Ich bewundere und liebe ihn sehr. Ein anderer hätte mich mit Sicherheit schon längst abgeschossen.

Meine Therapeutin meinte, ich soll mir Gedanken machen, welches Problem ich als erstes bei der Therapie angehen will, beziehungsweise was mir persönlich besonders wichtig wäre. Da gibt es so elend vieles, was mir gleichzeitig in den Sinn kommt. Am liebsten würde ich mein ganzes Hirn austauschen lassen. Ein komplettes Reset! Dann bräuchte ich mich nicht weiter mit meinen Gedanken abzuquälen. Ich wüsste gerne die Ursache von alledem, sozusagen die Ursache der Ursachen. Bereits meine frühsten Kindheitserinnerungen offenbaren mir, dass ich ein sehr schwieriges, problembehaftetes Kind gewesen sein muss.

Angesichts meines kommenden, sechsten Krankenhausaufenthalts dieses Jahr sollte ich meine Therapeutin wohl beim nächsten Termin bitten, dass sie mir hilft, Strategien zu entwickeln, wie ich am besten durch diese Zeit komme, ohne dass ich mich nach kürzester Zeit wieder mit meiner ganzen Umgebung überwerfe.

Die ersten zwei Tage gelingt es mir jeweils, brav und freundlich eine Fassade vor mir her zutragen. Aber bereits während dieser Zeit muss ich mich extrem zusammenreißen. Dann fängt die Fassade von Tag zu Tag immer mehr an zu bröckeln. Mein schwieriger Charakter nimmt dann wieder überhand. Es wird mir dann alles zu viel. Die Menschen, der Klinikalltag, die beständigen Störungen und mangelnde Intimsphäre, all die Geräusche und Gerüche, meine schlechten Gefühle, meine dunklen Gedanken, der innere Druck und die beständige Anspannung, die Depressionen, mein Misstrauen, meine Ungeduld, die Rücksichtnahme auf Zimmergenossinnen, das beständige freundlich sein, sich verstellen müssen usw…. All das und noch mehr wird mir dann zuviel.

Ich könnte dann jeweils am liebsten laut heraus schreien, heulen und den Kopf an die Wand schlagen. Hab ich während meinem ersten Aufenthalt gemacht. Ist bei meinen Mitmenschen natürlich nicht wirklich gut angekommen. Nachträglich wurde ich erst recht wie eine Irre behandelt. Hin und wieder verschließe ich mich auch in meinem Kopf, bin dann kaum mehr da, kaum mehr richtig ansprechbar, wie eine leblose Puppe, starre nur noch stundenlang aus dem Fenster oder fixiere einen Punkt im Raum. Teilweise stehe ich dann völlig nebst den Schuhen. Mal gucken, ob sie mir dieses Mal wieder die Fenstergriffe im Zimmer abmontieren. Am besten wäre es, wenn sie mir in der Zeit im Krankenhaus ein starkes Beruhigungsmittel verabreichen würden. Damit könnte ich es vielleicht aushalten. Ich habe mir sogar schon überlegt, mir einfach welches auf dem Schwarzmarkt zu besorgen, damit ich niemand darum bitten muss. Seroquel und Opipramol reichen jedenfalls nicht aus, um mich im Krankenhaus stabil genug zu halten. Seroquel ist ein Neroleptikum und Opipramol ein Antidepressivum. Die Medis reichen mir gerade mal zu Hause als Krücke. Aber in einem total fremden Umfeld klappt das nicht mehr so gut. Meine Ängste, Unsicherheiten, mein Misstrauen und meine wechselhaft instabile Gefühlslage mit allem drum und dran werden dann schnell wieder übermächtig. Schon während dem Krankenhausaufenthalt Anfangs Juni war das wieder so ein K(r)ampf. Ich kann schon jetzt kaum mehr richtig schlafen. Ich bin dort mittlerweile bestimmt die unbeliebteste Patientin, die die je hatten.

Vielleicht weiß ja meine Therapeutin am Mittwoch einen Ratschlag oder kennt Strategien, wie ich damit besser umgehen könnte. Zumal dieser Krankenhausaufenthalt ja ein akutes Problem ist, was nun bald vor meiner Türe steht. Oh, wie ich davor schon wieder Bammel habe. Ich bekomme gleich Bauchschmerzen, wenn ich nur daran denke. Es wird mir regelrecht schlecht davon.

Na ja, wenigstens habe ich nun jetzt mit meiner Therapeutin eine Person gefunden, mit der ich künftig über solche Dinge sprechen kann. Von dem her macht eine Therapie für mich mit Sicherheit Sinn.

Lieben Gruß
Ruby

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