Ein Suchtmensch mit Angst

Nun habe ich mich hier schon wieder monatelang nicht gemeldet. Als ob ich nichts zu erzählen hätte. Dabei ist in der Zwischenzeit wieder so viel passiert. Wer sich durch den Beitrag „aktive Passivität“ durchgekämpft hat, weiß, dass ich über längere Zeit aufgrund einer Spätfolge einer Magersucht mit einem künstlichen Darmausgang leben musste. Seit dem 5. November letzten Jahres hat sich das zu meiner großen Erleichterung und Freude wieder geändert. Denn an diesem Tag wurde im Klinikum Oldenburg mein Darm an seinen angestammten Platz zurück verlegt. Bereits drei Tage nach der Operation ließ ich mich entgegen dem Anraten der Ärzte aus dem Krankenhaus entlasten. Vier Wochen später hatte ich mich fast vollständig wieder davon erholt. Meine Darmfunktion mit allem drum und dran funktioniert schon fast wieder wie früher.

Dieser künstliche Darmausgang war das körperlich Schrecklichste, was ich bisher in meinem Leben erdulden habe. Insgesamt war ich deswegen letztes Jahr sieben Mal im Krankenhaus. Für einen Borderline-Menschen mit meiner ausgeprägten Symptomatik ist nur schon das ein wahrer Horror. Ich weiß im Nachhinein gar nicht, wie ich das geschafft habe. Komischerweise haben mir dabei auch alltägliche Dissoziationen geholfen, die ich bewusst ausgelöst habe. Zum Beispiel, wenn ich das Teil täglich versorgen musste. Ich habe mich dabei von meinem Körper abgespalten und einen vollkommen fremden Körper vor mir versorgt. Nur so hat das geklappt. Seither weiß ich, dass Dissoziationen nicht unbedingt einfach nur pathologisch krank betrachtet werden sollten. Sie können auch einen positiven Nutzen haben, wie man an meinem Beispiel sieht.

Ich bin nun unendlich froh, dass ich den künstlichen Darmausgang wieder los bin. Nicht mal meinem ärgsten Feind wünschte ich so ein Teil. Es ist einfach nur schlimm, mit so einem Ding leben zu müssen. Wahrscheinlich hätte ich mich umgebracht, hätte ich ein Leben lang damit leben müssen. Suizidgefährdet war ich aber sowieso die ganze Zeit. Nur mit Hilfe von Antidepressivas ist es mir gelungen, diese Zeit zu überleben. Derzeit bekomme ich 45mg Mirtazapin. Zu den Antidepressivas bekomme ich auch noch ein Neuroleptikum. Darüber habe ich in diesem Blog ja bereits geschrieben. Die Dosierung hat sich inzwischen jedoch drastisch erhöht. Täglich bekomme ich derzeit nebst Mirtazapin 900mg retardiertes Quetiapin. Zusätzlich darf ich bei Bedarf, zum Beispiel bei hoher Anspannung, nochmals 600mg Quetiapin nehmen. Insgesamt würde ich dann auf einer tägliche Dosierung von 1500mg landen. Das ist dann schon ganz schön heftig. Ein normaler Mensch wäre damit wohl tagelang ausgeknockt. Eigentlich werden solche Dosierungen nur bei akuten Psychosen verschrieben. Das gibt mir schon ein bisschen zu denken. Für Borderliner wird das Medikament meist viel niedriger dosiert. Na ja, ich nehme die Pillchen schön brav, genau so, wie es mir meine Psychiaterin in der Klinik empfohlen hat.

Die hohen Dosen Psychopharmakas erzeugen leider auch eine breite Palette Nebenwirkungen. Aber ohne Medikamente scheine ich nicht mehr richtig klar zu kommen. Sie sind für mich Krücken geworden, die ich anscheinend brauche, um mich überhaupt im Leben weiter bewegen zu können. Dabei wünschte ich mir sehnlichst, frei von diesen Medikamenten leben zu können. Denn wenn man wirklich ehrlich ist, verändern diese Medikamente uns Menschen. Es wird damit direkt ins Hirn eingegriffen.

Im März bin ich für eine stationären Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) in der Karl Jaspers Klinik vorgemerkt. Das ist eine Psychiatrie in der Nähe von Oldenburg, wo ich nun schon länger behandelt werde. DBT ist eine sehr vielversprechende Therapie für Borderliner. Eigentlich hätte ich den Aufnahmetermin bereits Anfangs diesen Februars gehabt. Aus Feigheit und Angst habe ich mir nun aber noch einen Monat länger Schonzeit erbeten. Also bis März.

Ich würde gerne kneifen. Würde mich gerne in einen Vermeidungs-Modus begeben und einfach auf die Therapie pfeifen. Der vernünftige Part in mir sagt mir jedoch immer wieder, dass ich das unbedingt machen muss, es eine Chance für mich werden kann, wieder besser durchs Leben zu kommen. Es gibt aber auch von außen sanften Druck auf mich. Sei es von meiner Klinik-Psychiaterin und von meiner Klinik-Therapeutin, bei denen ich nun schon länger ambulant in Behandlung bin. Ich bin mir sicher, dass sie enttäuscht wären, wenn ich nun vor der stationären Therapie drücken würde. Beide sind sie der Meinung, dass ich davon nur profitieren kann. Nur gewinnen kann ich. Verlieren kann ich damit nicht. Des Weiteren bekomme ich auch noch sanften Druck von meinem Mann. Er setzt darin auch viel Hoffnung für unsere gemeinsame Zukunft. Er merkte erst vor kurzem an, dass ich unter der ambulanten DBT richtig aufgeblüht bin. Er wäre sicherlich unheimlich enttäuscht, wenn ich diese Chance nicht nutze.

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) in der Karl Jaspers Klinik setzt sich aus drei Blöcken von je einem Monat stationärer Therapie zusammen. Dazwischen liegen jeweils acht Wochen ambulante Erprobungsphase. Insgesamt dauert es also sieben Monate, bis meine Therapie wieder zu Ende ist. Nach meiner Rechnung wäre mein letzter stationäre Aufenthalt dann im Oktober. Fast das ganze Jahr bin ich dann also therapeutisch schon ziemlich ausgebucht. Nebst bei stehe ich noch bei einer niedergelassenen Psychologin für eine Psychotherapie, die in Richtung Traumatherapie geht, auf der Warteliste. Das Vorgespräch dafür hatte ich bereit vor ein paar Monaten. Diese Therapie beginnt ebenfalls in diesem Jahr. Wahrscheinlich gegen Ende des Frühlings. Diese Therapie ist mir besonders wichtig. Denn damit erhoffe ich mir, in Zukunft besser mit Flashbacks, Alpträumen, Schlafstörungen und Dissos umzugehen.

Als eines der Ziele der stationären Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) wünschte ich mir, weniger Psychopharmakas nehmen zu müssen. Aber ehrlich gesagt bin ich über jede positive Veränderung zufrieden, sei sie noch so klein.

Ich habe extrem viel Angst vor dem stationären Aufenthalt. Am Neunten diesen Monats war ich zur Vorgruppe der stationären DBT. Bereits das hat mich unheimlich viel Überwindung gekostet. Während dieser Sitzung wurden wir über den Patienten-Stations-Vertrag aufgeklärt, dass man sich nicht selbst verletzen darf, kein Suizid begehen darf, andere Patienten zu sensiblen Themen nicht triggern darf, keine Beziehung mit einem Patienten aufbauen darf usw…. Genau, partnerschaftliche Beziehungen sollen sich möglichst keine entwickeln. Meine Station, auf die ich komme, wird also eine gemischte Station sein, männchen und weibchen. Das war nicht immer so. Früher war es wohl eine reine Frauenstation. Na ja, mir ist das egal. Das ist jedenfalls mein geringstes Problem. So oder so habe ich Angst vor dem stationären Aufenthalt.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das schaffen werde. Ob ich das überhaupt kann? Ich habe Angst davor, zu versagen und dass ich dem Klinik-Alltag gar nicht gewachsen bin. Ich habe Angst vor meinen Mitpatienten, Angst davor, dass ich auch dort eine Außenseiterin sein werde. Ich habe so viele verschiedene Ängste in mir, so dass es mir vorkommt, als ob es mich gleich in alle Einzelteile zerreißt. Ich kann diese Ängste hier gar nicht alle aufschreiben. Und wenn ich mich doch mal jemandem vollständig offenbare, heißt es, ich würde katastrophisieren. Ich will jetzt nicht jammern.

Notfalls könnte ich die Therapie ja auch abbrechen…, ich bin dort ja nicht gefangen. Auch hierzu gibt es eine Regel. Wenn man die stationäre Therapie abbrechen will, muss man das 24 Stunden früher bekannt geben. Dieser eine Tag soll dazu dienen, die jeweilige Entscheidung nochmals zu überdenken.

Eine weitere Regel ist der Verzicht auf Drogen und Alkohol. Während den sieben Monaten muss ich darauf verzichten. Alles andere könnte die Therapie gefährden, was eigentlich nix anderes bedeutet, als dass man sonst aus der Therapie geschmissen wird. Während der gesamten Therapiedauer kann es deshalb auch zu Drogenscreenings kommen. Für mich ist diese Regel nicht unbedingt sehr einfach. Denn Substanzmissbrauch gehört leider zu meinen selbstzerstörerischen Verhaltensweisen dazu. Bereits seit früher Jugendzeit. Quasi übergangslos vom selbstverletzendem Ritzen an die Nadel, beziehungsweise Spritze. Leider ist das so. Dieses Schicksal teile ich aber auch mit anderen Borderlinern. Ich spritze mir aber nun schon seit vielen Jahren keine Drogen mehr. Was mich jedoch nicht vor anderweitigen Konsumformen aufhält. Wenn ich wirklich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich durch und durch ein Suchtmensch bin. Es muss noch nicht einmal Substanzmissbrauch sein, sondern kann auch komplett anders gelagert sein. Wie meine Magersucht Phasen. Oder Kaufrausch, der mich auch immer wieder mal überfällt. Internetsüchtig bin ich wahrscheinlich auch schon. Sogar selbstverletzendes Verhalten kann bei mir eine Suchtproblematik auslösen. Ich bin ja so was von gestört….

Lieben Gruß
Ruby

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