Aktive Passivität

Eigentlich wollte ich in diesem Beitrag über meine letzte Magersucht Phase schreiben. Diese Phase nahm nach einem Krankenhausaufenthalt Mitte Februar dieses Jahres ein jähes Ende. Spätfolgen davon bade ich auch heute noch aus, zumal ich aufgrund schlimmer, körperlicher Komplikationen seither gezwungen bin, mit einem vorübergehenden, künstlichen Darmausgang zu leben. Jeden Tag werde ich aufgrund dieser krassen, körperlichen Invalidität aufs Neue daran erinnert. Dennoch kann ich nur unheimlich schlecht darüber schreiben. Ich habe damit zwar schon begonnen, brauche für die Endfassung aber noch ein bisschen mehr Zeit. Ich veröffentliche den Beitrag ein andermal. Ich bin keine sehr flüssige Schreiberin. Wie eigentlich für alles, brauche ich auch dafür elend viel Zeit. Oft gleiten meine Gedanken während dem Schreiben bis tief in die Vergangenheit ab. Manche Erinnerungen drängen sich mir dann regelrecht als unangenehme, ungute Flashbacks auf.

Das Schreiben auf diesem Blog dient mir aber dennoch auch als „Skill“. Manchmal tut es mir richtig gut, meine Gedanken nieder zu schreiben. Ich mach das auch sonst sehr oft. Dieser Blog soll mir auch ein bisschen dabei helfen, meine teilweise chaotischen Gedanken zu ordnen. Und vielleicht hilft mir der Blog ja auch, mit meiner Krankheit selbst ein bisschen ehrlicher und offener umzugehen und sie für mich auch besser annehmen zu können. Dieser Blog wird mir also nicht zuletzt dabei helfen, an mir selbst zu arbeiten. So erhoffe ich es für mich.

Bei meinem letzten Beitrag mit dem Titel „mein Mann und ich“, schrieb ich unter anderem auch über meine Abhängigkeit zu meinem Mann. Ich erwähnte in dem Aufsatz, dass ich mich ihm gegenüber über viele Jahre immer bedürftiger gemacht hätte. Psychisch wie auch physisch. In meinem Fall wurde dieses eigene „Bedürftig-machen“ sogar bis zur lebensbedrohlichen Magersucht auf die Spitze getrieben. Das beschämt mich auch jetzt noch sehr. Erst jetzt im Nachhinein erkenne ich, wie falsch das alles ist und war. Und wie manipulativ ein solches Verhalten vom Umfeld wahrgenommen werden könnte. Auch wenn sich für mich selbst meine Bedürftigkeit oder Hilflosigkeit jeweils vollkommen echt und ehrlich anfühlt. Bei mir läuft das im Unterbewusstsein ab. Man nimmt sich selbst ja gar nicht vor, bezüglich einer real empfundenen Bedürftigkeit oder Hilflosigkeit dem Partner gegenüber manipulativ oder gar durchtrieben zu agieren. Sozusagen wegen der eigenen Vorteile heraus. So durchtrieben habe ich jedenfalls nie gedacht.

Mittlerweile habe ich gelernt, dass dieses „Bedürftig-Machen“ sogar einen Namen hat. Man nennt ein solches Verhalten auch gerne „aktive Passivität“. Damit ist die Unfähigkeit gemeint, eigene Lebensprobleme aktiv zu lösen, begleitet von aktiven Versuchen, eine Lösung der Probleme von anderen zu erbitten. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von erlernter Hilflosigkeit. Wahrscheinlich gehört auch mein Hang dazu, wichtige Entscheidungen meinem Mann zu überlassen, oder an ihn diesbezügliche Verantwortung einfach abzutreten.

Die Bezeichnung „aktive Passivität“ passt wohl weitgehend auf mein Verhalten innerhalb unserer Beziehung. Wenn ich mich jeweils überfordert fühle, neige ich zu aktiver Passivität. Ich erhoffe mir davon direkte Unterstützung und Hilfe und vielleicht auch ein bisschen mehr Anteilnahme und Fürsorge, manchmal vielleicht auch ein bisschen Mitleid. Und mit dem Abgeben von Verantwortung lasse ich wohl auch unbewusst, aber dennoch ziemlich direkt, meine Bedürftigkeit, Hilflosigkeit und daraus resultierender Abhängigkeit erkennen. Bei mir schwebt dann oft das Gefühl mit, dass ich, bedürftig, wie ich bin, von meinem Mann auch nicht einfach so verlassen werden könnte. Mein Mann ist in dieser Beziehung ziemlich „Old School“. So hoffe ich wenigstens. Bis das der Tod uns scheidet. Von ihm verlassen zu werden, wäre für mich schlichtweg das „Worst-Case“ Szenario, das absolut Schlimmste, was ich mir überhaupt vorstellen könnte. Es wäre für mich mein Todesurteil, die absolute Katastrophe. Für mich gar nicht mehr auszuhalten.

Mein Mann fragt sich öfters, wie ich alleine auf dieser Welt überhaupt zurecht kommen würde. Wie ich überhaupt meinen alltäglichen Verpflichtungen nachgehen könnte, die er teilweise bereits seit Jahren für mich regelt. Zum Beispiel Dinge mit der Bank, den Behörden, Rechnungen oder sonstige Briefpost, finanziellen Verpflichtungen, Steuern, Krankenkasse usw…. Für Notfälle hat er mir bereits vor Jahren eine „how to do“ Anleitung mit den wichtigsten Dingen geschrieben. Aber ob die mir dann noch hilft…

Ich muss mein ganzes diesbezügliche Verhalten und meine Sichtweisen ändern. Ich muss an mir selbst und meinem Selbstbewusstsein arbeiten. Wenn ich alleine bin, traue ich mich teilweise noch nicht einmal, meine Post zu öffnen. Wenn die Post von einem Amt oder anderen wichtigen Zuträgern stammt, sowieso nicht. Je offizieller ein solcher Umschlag aussieht, je mehr Probleme bereitet mir das Öffnen. Diese Vermeidungshaltung kann aber leider sehr schnell zu noch größeren Problemen führen, könnte dann zum Beispiel zu Mahnungen, Drohungen oder andere Sanktionen führen. Alles schon gehabt. Man begibt sich unweigerlich in einen Teufelskreislauf. Je größer der Stapel wird, je schwerer wird es, sich an ihn zu wagen. Mein Mann kennt das nur zu gut von mir und erledigt solche Dinge deshalb für mich. Er kümmert sich um den ganzen administrativen Kram, der mich betrifft. Direkt habe ich ihn nie darum gebeten. Er macht es einfach. Weil er von früher her weiß, dass ich das nicht so gut kann.

Wenn ich mich aus der Abhängigkeit zu meinem Mann wirklich nach und nach ein bisschen mehr lösen wollte, müsste ich gezielt gegen diese „aktive Passivität“, die ich mir offenbar bereits seit vielen Jahren zu eigen gemacht habe, arbeiten. Das nehme ich mir nun fest vor. Damit ich mich auch ohne die Hilfe von meinem Mann wieder lebensfähig fühlen kann. Ich habe das leider verlernt, beziehungsweise konnte das bisher noch gar nie richtig. Diesbezüglich bin ich wie ein kleines, beschützenswertes, schnell überforderndes, unwissendes Kind. Eigentlich beschämend für mein Alter. Es führt mir zudem ziemlich direkt vor Augen, wie ich in Bezug auf mein Selbstwertgefühle immer wieder zu versagen scheine. Ich mach mich ja auch bedürftig und klein, weil ich mir die Dinge jeweils selbst nicht zutraue, ich unsicher bin oder mich die jeweiligen Situation schlichtweg stressen und überfordern. Weil ich denke, dass es dann sowieso nur schief laufen kann, wenn ich das in die eigenen Hände nehme. Ich sollte mir eigentlich tagtäglich beständig einflüstern; ich schaffe das. Das mach ich auch oft. Aber es fühlt und klingt für mich so fremd, so unecht. Ein bisschen vielleicht sogar wie ein kleiner Selbstbetrug. Dennoch werde ich mir den Satz weiterhin einflüstern, bis er sich tief in mein Hirn fest brennt.

Ich will unsere Beziehung in Zukunft weniger mit solch aktiver Passivität belasten. Ich muss mir irgendwelche Strategien erarbeiten, wie ich das in Zukunft vermeiden kann. Meine Therapeutin wird mir dabei helfen. Ich muss lernen, wieder mehr Verantwortung für mein eigenes Leben zu übernehmen. Ich will meinen Mann mit der Verantwortung, die ich ihm zusätzlich aufgelastet habe, nicht erdrücken. Ich will ihm mehr Platz zum Atmen schaffen. Während unserem gemeinsamen Leben hat er auch so schon genug mit mir ertragen. Nur schon, dass ich dazu neige, von einem Extrem ins andere zu fallen. Langweilig war es für ihn während all unserer gemeinsamen Jahre nie. Eher sehr bewegt, um das möglichst wertefrei zu umschreiben.

Ein gewöhnlicher Mann hätte sich von mir schon längst getrennt. Das bin ich mir voll bewusst. Den meisten Kerlen, mit denen ich einst enger verbunden war, fanden mich auf Dauer viel zu kompliziert oder zu irre für eine „normale“ Partnerschaft. Von dem her hätte ich es mit meinem Mann nicht besser treffen können. Er kennt all meine Macken und kann sie mittlerweile gut zuordnen. Nur selten spielt er die Borderline Erkrankung gegen mich aus. Meist dann im Streit. Dann sagt er mir schon mal direkt ins Gesicht, wie durchgeknallt und irre meine Gedankengänge, Glaubenssätze und Gefühle teilweise auf ihn wirken. Oder er spricht von Borderline wie von einer Person, die aus mir spricht, mich (ver-)leitet und steuert und der jeweiligen Situation entsprechend oftmals unangemessen handeln lässt. Als ob ich von Boderline besessen wäre. Ich bin ihm deswegen aber nicht böse, auch wenn er damit jeweils indirekt meine Zurechnungsfähigkeit anzweifelt. Besser so, als dass er jedes Mal wieder aufs Neue von mir überrascht wird.

Lieben Gruß
Ruby

Dieser Beitrag wurde unter Mein Leben abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.